Der Käfig aus Liebe
Posted on April 29th, 2019
Warum Kinder Geborgenheit brauchen – und Eltern den Mut, sie loszulassen
„Vertraut dem Kinde.“
Rainer Maria Rilke, 1902
Es gibt Szenen, die zunächst vollkommen alltäglich wirken und gerade deshalb erstaunlich viel darüber erzählen, wie wir heute über Kinder, Erziehung und vielleicht auch über uns selbst denken.
Man nehme einen gewöhnlichen Spielplatz, ein Klettergerüst und ein vier- oder fünfjähriges Kind, das sich anschickt, jene vielleicht zwei Meter Höhenunterschied zu überwinden, die der Hersteller offenbar in einem Moment bemerkenswerter Verantwortungslosigkeit für zumutbar gehalten hat. Etwa einen Meter dahinter befindet sich ein Elternteil, dessen Körperspannung vermuten lässt, das Kind bereite sich gerade nicht auf die Besteigung eines TÜV-geprüften Spielgeräts, sondern auf die Nordwand des Eiger vor.
„Pass auf!“
Das Kind klettert weiter.
„Nicht so hoch!“
Natürlich klettert es höher.
„Vorsicht!“
Spätestens jetzt dreht es sich um, betrachtet für einen Augenblick den Menschen, der es vor sämtlichen Gefahren dieser Welt zu bewahren versucht, und setzt anschließend ziemlich genau das fort, wovor gerade gewarnt wurde.
Man könnte dieses Verhalten für Trotz oder Ungehorsam halten. Vielleicht geschieht jedoch etwas sehr viel Interessanteres: Das Kind versucht herauszufinden, wie weit seine Welt reicht.
Es möchte wissen, wie hoch es klettern kann, wie schnell es laufen darf, was geschieht, wenn ein Fuß abrutscht, ob es sich selbst wieder fangen kann und ob es vielleicht etwas vermag, von dem die Erwachsenen noch überzeugt sind, dass es dazu nicht in der Lage sei. Das sind keine lästigen Nebenerscheinungen der Kindheit, die durch möglichst effiziente Beaufsichtigung beseitigt werden müssten. Sie gehören zu ihrem eigentlichen Wesen.
Vielleicht beginnt eines unserer gegenwärtigen pädagogischen Probleme deshalb genau dort, wo wir Erwachsenen jede Frage beantworten wollen, bevor ein Kind überhaupt Gelegenheit hatte, sie selbst zu stellen.
Der Berg am Griebnitzsee
Ich erinnere mich an eine Szene mit meinem Sohn, die mir im Nachhinein fast wie eine kleine pädagogische Parabel erscheint. Er war damals etwa zwei Jahre alt und hatte gerade sein erstes Laufrad bekommen. Wir lebten am Griebnitzsee, zwischen Berlin und Potsdam, und standen vor unserem Haus an einem Gefälle, das für einen Zweijährigen durchaus respektabel wirkte.
Ich hatte gleichzeitig meinen Hund im Blick und sagte meinem Sohn, er solle bitte noch einen Augenblick warten; wir würden den Berg gemeinsam hinunterfahren. Während ich mich nach dem Hund umsah und nach ihm pfiff, war die Entscheidung allerdings längst gefallen – nur eben nicht meine.
Als ich mich wieder zu meinem Sohn umdrehte, war er bereits unterwegs.
Er fuhr allein den Berg hinunter.

Für einen kurzen Augenblick stellte sich bei mir jener elterliche Reflex ein, der sämtliche denkbaren Katastrophen innerhalb weniger Sekunden vor dem inneren Auge ablaufen lässt. Dann sah ich, wie er das Laufrad hielt, wie selbstverständlich er mit der Geschwindigkeit umging, wie er die Balance behielt und schließlich unten ankam, ohne zu fallen.
Ich war stolz auf ihn. Sehr sogar. Aber im Rückblick war noch etwas anderes bemerkenswert: Mein Sohn hatte in diesem Augenblick eine Grenze überschritten, die nicht seine gewesen war, sondern meine. Nicht sein Können hatte ihn zurückgehalten. Meine Vorsicht hätte es beinahe getan.
Vielleicht liegt darin eine der unbequemeren Wahrheiten von Elternschaft. Wir halten unsere Sorge gern für eine objektive Einschätzung der Fähigkeiten unseres Kindes, obwohl sie häufig zunächst etwas über uns selbst erzählt. Wir sehen die abschüssige Straße, die Schramme, den Sturz, die mögliche Gefahr; das Kind sieht dagegen vor allem eine Möglichkeit und fragt sich, ob es sie bewältigen kann.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Eltern Gefahren ignorieren sollen. Verantwortung besteht gerade darin, zwischen einer ernsthaften Gefahr und einer zumutbaren Herausforderung unterscheiden zu können. Doch wenn wir aus Angst jede Herausforderung bereits im Ansatz verhindern, setzen wir dem Kind eine Grenze, bevor wir überhaupt wissen, ob diese Grenze für das Kind tatsächlich existiert.
Damals am Griebnitzsee begriff ich etwas, das mich später immer wieder beschäftigt hat: Angst kann ein notwendiger Schutzmechanismus sein, sie kann aber ebenso zur Begrenzung fremden Potenzials werden, wenn wir sie ungeprüft auf unsere Kinder übertragen.
Manchmal sind Kinder bereits einen Schritt weiter, während wir Erwachsenen noch überlegen, ob wir ihnen diesen Schritt überhaupt zutrauen dürfen.
Der Käfig, den man Fürsorge nennt
Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit. Vermutlich wurde noch nie so intensiv über das Wohl von Kindern nachgedacht, noch nie standen Eltern so viele Ratgeber, Förderangebote, Entwicklungsprogramme, Apps und pädagogische Empfehlungen zur Verfügung, und gleichzeitig scheint die Sorge darüber, was einem Kind alles widerfahren könnte, ein Ausmaß erreicht zu haben, das gelegentlich selbst jene Entwicklung verhindert, die wir eigentlich fördern wollen.
Wir organisieren, erinnern und kontrollieren, bringen die vergessene Sporttasche hinterher, greifen in Auseinandersetzungen ein, bevor die Beteiligten überhaupt herausgefunden haben, worüber sie sich streiten, sprechen mit Lehrern, beseitigen Hindernisse und entwickeln eine erstaunliche logistische Leistungsfähigkeit, wenn es darum geht, einem jungen Menschen die Unannehmlichkeiten des Lebens möglichst vollständig vom Hals zu halten.
Das alles geschieht aus Liebe.
Genau deshalb ist es so schwierig, darüber zu sprechen.
Denn wann wird aus Fürsorge Überbehütung, wann aus Schutz Verhinderung und wann aus liebevoller Begleitung eine permanente Intervention, durch die einem Kind zwar jede Schramme erspart bleibt, zugleich aber auch jene Erfahrung, aus eigener Kraft eine Schwierigkeit bewältigt zu haben?
Josef Kraus hat diesen Erziehungsstil mit dem inzwischen bekannten Bild der Helikopter-Eltern beschrieben: Erwachsene, die über ihren Kindern kreisen, jederzeit bereit einzugreifen, und gerade dadurch Gefahr laufen, jene Selbstständigkeit zu behindern, die sie ihren Kindern eigentlich wünschen.
Das Problem ist also keineswegs mangelnde Liebe. Es ist manchmal eine Liebe, die so fest umarmt, dass sie den Bewegungsradius des anderen immer kleiner werden lässt.
Geborgenheit braucht einen Ausgang
Gerald Hüthers Überlegungen zur kindlichen Entwicklung führen an dieser Stelle zu einer wichtigen Unterscheidung. Kinder brauchen Geborgenheit, Bindung und die Gewissheit, dass Menschen da sind, auf die sie sich verlassen können. Gerade diese Sicherheit darf jedoch nicht zum Endzustand werden; sie ist vielmehr das Fundament, von dem aus ein Kind den Mut entwickelt, sich von der Sicherheit zu entfernen und die Welt selbst zu erkunden.
Das vermeintliche Gegensatzpaar lautet deshalb nicht Geborgenheit oder Freiheit.
Es lautet: Geborgenheit, damit Freiheit möglich wird.
Ein Kind, das weiß, dass es zurückkehren kann, wagt sich weiter hinaus. Ein Kind, das weiß, dass ein Misserfolg seine Zugehörigkeit nicht infrage stellt, kann Risiken eingehen, und ein Kind, das erfahren hat, dass seine Eltern es auch nach einer Niederlage nicht geringer schätzen, entwickelt jene innere Stabilität, ohne die Selbstständigkeit kaum möglich ist.
Vielleicht läuft das Kind auf dem Spielplatz deshalb nicht von seiner Mutter oder seinem Vater weg.
Vielleicht läuft es zu sich selbst hin.
Eine Gesellschaft verändert ihre Familien
Diese Fragen ausschließlich auf einzelne Eltern zu reduzieren, wäre allerdings zu einfach, denn Erziehung findet innerhalb gesellschaftlicher Strukturen statt – und diese Strukturen haben sich erheblich verändert.
Immer mehr Kinder wachsen zumindest phasenweise in Familienkonstellationen auf, in denen ein Elternteil den Alltag überwiegend allein bewältigt oder in denen die tägliche Präsenz beider Eltern nicht selbstverständlich ist. Das ist ausdrücklich keine Anklage gegen Alleinerziehende. Wer Kinder weitgehend allein großzieht, gleichzeitig arbeitet, den Haushalt organisiert, Rechnungen bezahlt, Krankheiten übersteht, Elternabende besucht und abends noch versucht, eine Gutenachtgeschichte zu Ende zu lesen, bevor er selbst einschläft, verdient keine billige Belehrung.
Die gesellschaftspolitische Frage liegt an einer anderen Stelle: Was bedeutet es für Kinder, wenn ein Elternteil aus ihrem alltäglichen Erfahrungsraum weitgehend verschwindet, und nehmen unsere gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen diese Konsequenz ernst genug?
Dabei hilft es wenig, Mutter und Vater in primitive Schablonen zu pressen, als sei die Mutter naturgesetzlich ausschließlich für Geborgenheit und der Vater nur für Abenteuer zuständig. Menschen sind komplizierter, Temperamente verschieden, Familien sowieso.
Dennoch profitieren Kinder davon, unterschiedliche Persönlichkeiten, Konfliktstile und Formen von Nähe, Schutz, Herausforderung und Distanz zu erleben. Der eine Erwachsene sagt: „Sei vorsichtig.“ Der andere sagt vielleicht: „Probier es.“ Und manchmal ist es genau umgekehrt.
Entscheidend ist nicht die stereotype Rollenverteilung, sondern das Vorhandensein unterschiedlicher Pole: Nähe und Distanz, Schutz und Herausforderung, Zugehörigkeit und Eigenständigkeit.
Ein Kind braucht einen sicheren Hafen.
Es braucht aber ebenso das offene Meer.
„Vertraut dem Kinde“
Rainer Maria Rilke formulierte bereits 1902 in seiner Auseinandersetzung mit Ellen Keys Das Jahrhundert des Kindes einen bemerkenswert modernen Gedanken. Erwachsene, so seine Kritik, seien allzu häufig davon besessen, aus Kindern etwas machen zu wollen, anstatt Entwicklung zu ermöglichen.
Seine Aufforderung war denkbar knapp:
„Vertraut dem Kinde.“
Vielleicht ist dieser Satz heute aktueller, als er vor mehr als 120 Jahren war.
Vertrauen bedeutet selbstverständlich nicht, Erziehung abzuschaffen und den familiären Alltag künftig basisdemokratisch zwischen einem Vierjährigen und seinen Eltern auszuhandeln. Ein Dreijähriger muss nicht im Rahmen eines Mediationsverfahrens davon überzeugt werden, dass irgendwann Schlafenszeit ist, und ein Sechsjähriger braucht keinen anwaltlichen Beistand, weil er sein Zimmer aufräumen soll.
Vertrauen bedeutet vielmehr, einem Kind Fähigkeiten zuzutrauen, die es noch nicht vollständig beherrscht.
Und genau deshalb müssen wir über etwas sprechen, das in der modernen Kindheit einen zunehmend schlechten Ruf bekommen hat.
Die Kunst des Fallens
Ich habe meinen Managern über viele Jahre einen Gedanken mitgegeben, der für mich weit über das Berufsleben hinausreicht:
Die Qualität eines Managers zeigt sich nicht daran, ob er fällt, sondern daran, wie schnell er nach einem Tiefschlag wieder auf den Beinen ist.
Warum sollte für Kinder das Gegenteil gelten?
Natürlich lässt man ein Kind nicht sehenden Auges in eine ernsthafte Gefahr laufen. Aber zwischen Gefahr und Herausforderung liegt ein fundamentaler Unterschied, und vielleicht haben wir begonnen, beides miteinander zu verwechseln.
Ein Fußballspiel verlieren, eine schlechte Note bekommen, etwas vergessen, beim Klettern abrutschen, einen Streit selbst austragen oder eine Entscheidung treffen, die sich im Nachhinein als ziemlich töricht herausstellt, sind keine Betriebsunfälle einer gelungenen Erziehung. Sie sind ein Teil von Erziehung, weil ein Mensch nur dann erfahren kann, dass er nach einem Sturz wieder aufstehen kann, wenn wir ihm irgendwann erlauben zu fallen.
Wir loben beim Erwachsenen Resilienz, während wir beim Kind möglichst jede Situation verhindern, in der Resilienz überhaupt entstehen könnte. Wir erwarten später Entscheidungsfähigkeit, nachdem wir jahrelang Entscheidungen abgenommen haben, und wünschen uns Selbstständigkeit, während wir gleichzeitig noch mit der vergessenen Sporttasche hinterherlaufen.
Irgendwann allerdings kommt das Leben.
Und das Leben hat bedauerlicherweise keine Helikopter-Eltern.
Wenn niemand die Langeweile beseitigt
Ähnlich verhält es sich mit einem anderen vermeintlichen Unglück der Kindheit: der Langeweile.
„Papa, mir ist langweilig.“
Dieser Satz kann in modernen Familien erstaunliche organisatorische Prozesse auslösen. Binnen Minuten stehen Bastelmaterial, Tablet, Kinderturnen, Experimentierkasten und womöglich ein pädagogisch wertvolles Museum zur Diskussion.
Vielleicht wäre die bessere Antwort gelegentlich schlicht: „Das ist interessant. Mal sehen, was dir einfällt.“
Denn Langeweile schafft einen leeren Raum, und ein leerer Raum verlangt Gestaltung. Ein Stock wird zum Schwert, ein Karton zum Raumschiff, das Sofa zur Festung und vier Stühle mit zwei Decken zu einem Gebäude, dessen statische Qualität zwar zweifelhaft ist, das aber erstaunlicherweise drei Kinder und sämtliche verfügbaren Stofftiere beherbergen kann.
Kreativität entsteht nicht nur durch Angebote.
Manchmal entsteht sie gerade durch deren Abwesenheit.
Als mein Sohn zum „Schulversager“ erklärt wurde
Vielleicht ist meine Haltung zu diesen Fragen auch deshalb so eindeutig, weil ich selbst erlebt habe, wie leicht ein Kind unter seinen Möglichkeiten bleiben kann, wenn Erwachsene sein Potenzial nicht erkennen.
Mein Sohn lebte drei Jahre mit mir an meiner Schule in Indien. Bevor er zu mir kam, hatte mir meine damalige Partnerin mitgeteilt, er sei ein „Schulversager“, eine Einschätzung, die ich weder akzeptieren konnte noch nachvollziehen wollte, weil ich meinen Sohn kannte und schon lange gesehen hatte, welches ungewöhnliche Potenzial in ihm steckte. Er war wach, kreativ, neugierig, kommunikativ und eigenständig im Denken; das Problem bestand nicht darin, dass ihm Fähigkeiten fehlten, sondern darin, dass diese Fähigkeiten in seinem bisherigen Umfeld weder ausreichend erkannt noch entsprechend gefördert worden waren.
In einem Klassenverband mit dreißig Kindern geschieht so etwas leichter, als wir uns eingestehen wollen. Wer nicht sofort in das erwartete Raster passt, anders denkt, anders lernt oder seine Fähigkeiten nicht genau dort zeigt, wo das schulische System sie abfragt, kann nach hinten durchgereicht werden, ohne dass irgendjemand bewusst beschlossen hätte, dieses Kind zurückzulassen. Es geschieht durch Zeitmangel, Routinen, standardisierte Erwartungen, überforderte Strukturen und manchmal schlicht dadurch, dass niemand lange genug hinsieht.
Das Ergebnis kann dennoch verheerend sein. Aus nicht erkannter Begabung wird mangelnde Förderung, aus mangelnder Förderung entstehen schwächere Leistungen, aus diesen Leistungen wiederum eine Zuschreibung – und irgendwann steht dort dieses ungeheuerliche Wort „Schulversager“, obwohl man sich ebenso gut fragen könnte, wer hier eigentlich an wem gescheitert ist.
Während der drei Jahre in Indien änderten sich die Bedingungen. Mein Sohn bekam Aufmerksamkeit, aber keine permanente Kontrolle; er erhielt Unterstützung, musste aber ebenso Verantwortung übernehmen, und von ihm wurde Leistung erwartet, allerdings eine Leistung, die seine individuellen Möglichkeiten ernst nahm und ihn herausforderte, statt ihn lediglich an seinen bisherigen Defiziten zu messen.
Vor allem lebte er mit der Gewissheit, dass sein Vater in ihm keinen Versager sah, sondern einen besonderen, aufgeweckten, talentierten und innovativen jungen Menschen, dessen Fähigkeiten vorhanden waren und lediglich den Raum benötigten, in dem sie sichtbar werden konnten.
Im Laufe dieser Jahre fand er zu diesen Fähigkeiten. Er wurde offener, selbstständiger und verantwortungsbewusster, entwickelte Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und lernte zunehmend, Herausforderungen nicht als Beweis eines vermeintlichen Unvermögens, sondern als Gelegenheit zu begreifen, an der man wachsen konnte.
Interessanterweise endete die Geschichte damit jedoch nicht.
Als er anschließend nach Hamburg und damit in den früheren schulischen Alltag zurückkehrte, geriet die gerade gewonnene Stabilität erneut ins Wanken. Alte Strukturen erzeugten alte Reaktionen, und manches von dem, was in Indien freigelegt worden war, drohte wieder verschüttet zu werden. Für mich war gerade diese Erfahrung ein eindrücklicher Beleg dafür, dass Entwicklung niemals ausschließlich im Kind stattfindet; sie ist immer auch eine Antwort auf die Umgebung, in der ein junger Mensch lebt.
Es folgten viele Gespräche, gelegentlich sicherlich auch solche, auf die ein heranwachsender Sohn mit ungefähr derselben Begeisterung wartet wie auf eine Wurzelbehandlung, aber allmählich stabilisierte sich sein Weg. Entscheidend war, dass die Überzeugung von seinen Fähigkeiten nicht verschwand, nur weil sein Weg zeitweise wieder schwieriger wurde.
Heute hat er seinen Platz gefunden. Er ist zu einem umsichtigen, vertriebsstarken Menschen herangewachsen, der Menschen erreichen und überzeugen kann und seinen beruflichen Weg bemerkenswerterweise außerhalb jener klassischen Strukturen gefunden hat, in denen man ihn einst vorschnell als Schulversager eingeordnet hatte.
Darin liegt eine gewisse Ironie.
Das System hatte Schwierigkeiten, seine Fähigkeiten zu erkennen; später fand er einen Weg, auf dem genau diese Fähigkeiten zu seinen Stärken wurden.
Wenn ich heute auf diese Entwicklung zurückblicke, glaube ich deshalb nicht, dass mein wichtigster Beitrag darin bestand, meinem Sohn zu erklären, wer er werden sollte. Vielmehr bestand er darin, an das zu glauben, was in ihm vorhanden war, als andere es nicht sahen – und möglicherweise zeitweise auch er selbst nicht mehr.
Vielleicht ist genau das eine der anspruchsvollsten Aufgaben von Eltern und Lehrern: einen jungen Menschen nicht ausschließlich danach zu beurteilen, was er gerade zeigt, sondern auch danach zu fragen, was sichtbar werden könnte, wenn man endlich die Bedingungen dafür schafft.
Und genau an dieser Stelle trifft sich meine Erfahrung als Vater mit einer anderen Erfahrung meines Lebens – jener als Unternehmer und Führungskraft.
Das Pallushek´sche Trichterprinzip
Lange bevor ich dieses Prinzip bewusst auf die Erziehung meiner Kinder übertrug, hatte es seinen Ursprung in meiner Arbeit mit Mitarbeitern und Führungskräften. Ich musste Menschen erklären, wie ich ihre Entwicklung innerhalb eines Unternehmens verstand, welche Freiheiten sie erwarten konnten und weshalb diese Freiheiten nicht bereits am ersten Arbeitstag vollständig zur Verfügung standen.
Daraus entstand ein Bild, das ich das Pallusheksche Trichterprinzip nenne.
Wer neu in eine Organisation eintritt, beginnt zunächst im engen Teil des Trichters. Dort gelten relativ klare normative Grenzen: Zuständigkeiten sind definiert, Entscheidungsräume begrenzt, Abläufe müssen verstanden und Regeln zunächst kennengelernt werden. Das ist keineswegs Ausdruck von Misstrauen gegenüber dem Mitarbeiter, sondern Voraussetzung dafür, dass er überhaupt begreifen kann, innerhalb welchen Systems er sich bewegt und welche Konsequenzen seine Entscheidungen für andere Menschen und für das Unternehmen haben.
Entscheidend ist allerdings, dass der Trichter nicht eng bleiben darf.
Mit jeder erworbenen Kompetenz, jeder bewältigten Aufgabe und jeder übernommenen Verantwortung muss sich der Handlungsspielraum erweitern. Der Mitarbeiter erhält sukzessive größere Kompetenzfelder, darf zunehmend selbst entscheiden und trägt entsprechend auch die Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidungen. Aus Anleitung entsteht Eigenständigkeit, aus Eigenständigkeit Verantwortung und aus Verantwortung schließlich Führung.
An einem bestimmten Punkt entscheidet dieser Mensch nicht mehr ausschließlich über seine eigene Arbeit. Er übernimmt Verantwortung für Mitarbeiter, Budgets, Projekte und schließlich möglicherweise für Teile des wirtschaftlichen Geschehens eines Unternehmens. Der Trichter ist weit geworden, weil die Fähigkeit gewachsen ist, mit dieser Weite verantwortlich umzugehen.
Für mich ließ sich diese Entwicklung in einer einfachen Bewegung darstellen:
Normative Grenzen → Orientierung → Kompetenz → Entscheidungsspielraum → Verantwortung → Führung
Der entscheidende Gedanke dabei war immer, dass Freiheit und Verantwortung gemeinsam wachsen müssen. Wer Verantwortung übernimmt, braucht den notwendigen Handlungsspielraum; wer größere Handlungsspielräume beansprucht, muss umgekehrt bereit und in der Lage sein, für seine Entscheidungen einzustehen. Ein Unternehmen, das Verantwortung verlangt, aber keine Entscheidungskompetenz überträgt, produziert Frustration. Ein Unternehmen, das weitreichende Kompetenzen verteilt, ohne Verantwortung einzufordern, produziert Chaos.
Erst später wurde mir bewusst, dass ich bei meinen Kindern im Grunde nach demselben Prinzip handelte.
Natürlich ist eine Familie kein Unternehmen, und ein Kind ist kein Mitarbeiter – schon deshalb verbietet sich jede mechanische Übertragung. Aber der zugrunde liegende Entwicklungsmechanismus erschien mir verblüffend ähnlich. Auch ein kleines Kind beginnt in einem relativ engen Korridor, weil ihm zunächst Erfahrung, Urteilsvermögen und die Fähigkeit fehlen, sämtliche Konsequenzen seines Handelns zu überblicken. Es braucht deshalb Grenzen, Rituale, Verlässlichkeit und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Doch ebenso wie beim jungen Mitarbeiter wäre es ein fundamentaler Fehler, diesen Korridor nicht mitwachsen zu lassen.
Mit jedem Lebensjahr, jeder bewältigten Aufgabe und jeder bewiesenen Verlässlichkeit muss sich der Trichter öffnen. Das Kind übernimmt zunächst Verantwortung für sein Bett, seine Spielsachen oder kleine Aufgaben im Haushalt; später für sein Taschengeld, seine Termine und schulischen Verpflichtungen und schließlich für Entscheidungen, deren Konsequenzen niemand mehr stellvertretend für es tragen kann.
Der pädagogische Trichter entwickelt sich deshalb in einer vergleichbaren Bewegung:
Geborgenheit → Grenzen → Erfahrung → Entscheidung → Verantwortung → Freiheit
Gerade hier schließt sich für mich der Kreis zwischen Führung und Erziehung. Gute Führung erkennt man nicht daran, dass der Vorgesetzte möglichst lange jede Entscheidung selbst trifft, sondern daran, dass Menschen unter seiner Verantwortung irgendwann in der Lage sind, Entscheidungen ohne ihn zu treffen.
Und möglicherweise gilt für Eltern etwas ganz Ähnliches.
Gute Erziehung zeigt sich nicht darin, wie perfekt wir das Leben unserer Kinder organisieren, sondern darin, ob sie irgendwann in der Lage sind, ihr Leben ohne unsere Organisation zu führen.
Das Pallusheksche Trichterprinzip bedeutet deshalb nicht, Grenzen abzuschaffen. Es beschreibt vielmehr, wann Grenzen ihren Zweck erfüllt haben und verschoben werden müssen. Am Anfang geben sie Sicherheit, später Orientierung, und schließlich müssen sie zurücktreten, weil aus äußerer Führung allmählich Selbstführung entstehen soll.
Das ist auch der Grund, weshalb ein gemachtes Bett, ein selbst verwaltetes Taschengeld oder eine kleine Verpflichtung im Haushalt keineswegs banale Nebensächlichkeiten sind. Sie sind frühe Übungsfelder für etwas sehr viel Größeres: die Erfahrung, dass Freiheit nicht darin besteht, keine Verpflichtungen zu haben, sondern Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen zu können.
Wer sein Taschengeld am Montag vollständig ausgibt und am Donnerstag feststellt, dass für den ersehnten Kauf nichts mehr übrig ist, hat eine ökonomische Lektion erhalten, die vermutlich nachhaltiger wirkt als manches Arbeitsblatt.
Natürlich könnten Eltern sofort einspringen.
Genau darin liegt jedoch die Versuchung.
Denn Konsequenzen sind ebenfalls Lehrer.
Vielleicht lässt sich das Pallusheksche Trichterprinzip deshalb auf einen einzigen Satz reduzieren:
Der Raum der Freiheit darf in dem Maße wachsen, in dem die Fähigkeit zur Verantwortung wächst.
Genau das habe ich früher meinen Mitarbeitern vermittelt.
Und irgendwann bemerkte ich, dass ich meinen Kindern im Grunde dasselbe beibrachte – nur mit anderen Einsätzen, anderen Konsequenzen und sehr viel mehr Liebe.
Der vielleicht größte Irrtum
Möglicherweise haben wir in der modernen Erziehung zwei Sätze miteinander verwechselt.
Der erste lautet: „Ich liebe dich, deshalb traue ich dir etwas zu.“
Der zweite lautet: „Ich liebe dich, deshalb verhindere ich, dass dir etwas passiert.“
Beide entstehen aus Fürsorge, doch ihre langfristigen Wirkungen können grundverschieden sein. Der erste Weg produziert gelegentlich Schrammen, Niederlagen, Enttäuschungen und ziemlich schmutzige Hosen; gleichzeitig ermöglicht er die Erfahrung, aus eigener Kraft etwas bewältigt zu haben. Der zweite bietet zunächst maximale Sicherheit, kann jedoch langfristig jene Unsicherheit erzeugen, vor der er das Kind eigentlich schützen wollte.
Denn irgendwann wird aus dem Kind ein Erwachsener, und das Leben fragt nicht mehr, ob eine Enttäuschung pädagogisch angemessen ist. Beziehungen scheitern, berufliche Pläne funktionieren nicht, Menschen enttäuschen uns, Entscheidungen erweisen sich als falsch, und gelegentlich fällt man so hart, dass man für einen Augenblick nicht weiß, ob man noch einmal aufstehen kann.
Darauf bereitet man einen Menschen nicht vor, indem man verhindert, dass er jemals fällt.
Man bereitet ihn darauf vor, indem er irgendwann tief in sich weiß:
Ich bin schon gefallen. Und ich bin wieder aufgestanden.
Der Bogen und der Pfeil
Khalil Gibran hat in The Prophet ein wunderschönes Bild für diese letzte Aufgabe von Eltern geschaffen: Eltern sind der Bogen, von dem die Kinder wie lebendige Pfeile in eine Zukunft geschickt werden, die nicht mehr den Eltern gehört.
Vielleicht ist gerade das der schwierigste Augenblick der Erziehung.
Wir haben unsere Kinder jahrelang geschützt, getröstet, getragen, ernährt, nachts herumgetragen, zum Arzt gefahren, vom Kindergarten abgeholt, bei Hausaufgaben begleitet und wahrscheinlich einige tausend Male daran erinnert, Schuhe anzuziehen.
Und irgendwann sollen wir loslassen.
Ein Pfeil, der im Köcher bleibt, ist hervorragend geschützt. Er wird niemals vom Wind erfasst, niemals sein Ziel verfehlen und niemals irgendwo landen, wo wir ihn nicht haben wollten.
Aber er wird auch niemals fliegen.
Vielleicht ist genau das die Tragik einer Erziehung, die Sicherheit zum höchsten Wert erhebt: Aus Angst davor, dass unsere Kinder abstürzen könnten, verhindern wir irgendwann, dass sie überhaupt abheben.
Und damit sind wir wieder auf jenem Spielplatz, auf dem alles begann.
Das Kind ist inzwischen oben auf dem Klettergerüst angekommen. Der Erwachsene steht darunter, hebt vielleicht instinktiv noch einmal die Hände und verspürt jenen uralten Reflex, der vermutlich so alt ist wie Elternschaft selbst: festhalten, schützen, auffangen.
Vielleicht besteht die eigentliche Kunst in diesem Augenblick darin, die Hände wieder herunterzunehmen.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vertrauen.
Das Kind wird möglicherweise abrutschen, vielleicht bekommt es eine Schramme, vielleicht kommt es vollkommen unversehrt wieder unten an und rennt sofort zum nächsten Abenteuer, während der Erwachsene noch damit beschäftigt ist, seinen Puls zu normalisieren.
Aber es hat etwas erfahren, das ihm niemand erklären konnte:
Ich konnte das selbst.
Rilke schrieb vor mehr als einem Jahrhundert: „Vertraut dem Kinde.“
Wir können unseren Kindern nicht jeden Sturz ersparen, aber wir können ihnen zeigen, wie man wieder aufsteht; wir können nicht jede Enttäuschung verhindern, aber ihnen die Gewissheit geben, dass eine Enttäuschung nicht das Ende einer Geschichte sein muss; und wir können ihnen ihren Lebensweg nicht abnehmen, ohne ihnen damit zugleich die Möglichkeit zu nehmen, eines Tages sagen zu können: Das ist mein Weg.
Unsere Aufgabe besteht deshalb zunächst darin, den Korridor zu bauen und ihm Stabilität zu geben. Danach müssen wir den Mut besitzen, seine Wände immer weiter auseinanderzurücken, bis aus Führung Vertrauen, aus Schutz Verantwortung und aus dem Kind ein Mensch geworden ist, der uns nicht mehr braucht, um aufrecht zu stehen.
Vielleicht hätte ich das schon damals am Griebnitzsee erkennen können.
Ich stand oben am Berg, überzeugt davon, meinen zweijährigen Sohn noch begleiten zu müssen.
Er war längst unterwegs.
Und genau darauf läuft gute Erziehung am Ende hinaus: nicht darauf, den Weg unserer Kinder zu gehen, sondern ihnen die Fähigkeiten, das Vertrauen und schließlich die Freiheit zu geben, ihren eigenen zu finden.
Dann öffnen wir den Trichter, spannen den Bogen – und lassen den Pfeil fliegen.








