In 80 Tagen um die Welt – aber um welche Welt eigentlich?
Posted on November 28th, 2020
Jules Verne, alte Karten, der unbekannte Süden und die Frage, warum manche Fragen offenbar schon als Zumutung empfunden werden
Das eigens gestaltete Titelmotiv: Phileas Fogg, Taschenuhr, historische Karten und die kreisförmige Welt.
Die Frage, über die man besser nicht spricht
Es gibt Fragen, bei denen man schon am Gesicht seines Gegenübers erkennt, dass man sie besser nicht gestellt hätte.
Man braucht den Satz kaum zu Ende zu sprechen. Schon kommt dieses leicht amüsierte Lächeln, diese Mischung aus Überlegenheit und Mitleid, und irgendwann fällt zuverlässig eines jener Wörter, mit denen eine Diskussion beendet werden soll, bevor sie überhaupt begonnen hat: Erdrotation, Gravitation, Zentrifugalkraft, Satelliten, NASA.
Und selbstverständlich der Klassiker:
„Das weiß doch jeder.“
Ich habe diese Gespräche oft geführt.
Mit Freunden, mit Akademikern, mit Menschen, die sich für ausgesprochen aufgeklärt halten. Und irgendwann stellte ich fest, dass die interessanteste Reaktion gar nicht ihre Antwort war.
Interessant war, wie selten jemand bereit war, die eigene Antwort herzuleiten.
Woher weißt du es?
Hast du es gemessen?
Hast du die Berechnung nachvollzogen?
Hast du die Karte untersucht?
Hast du die ursprüngliche Aufnahme gesehen?
Hast du die Quelle gelesen?
Oder hast du irgendwann gelernt, dass eine bestimmte Antwort richtig ist – und seitdem jede andere Frage für absurd gehalten?
Dieser Artikel ist deshalb auch für einige meiner Freunde geschrieben, die mich über solche Fragen gerne belächeln.
Nicht, weil ich ihnen eine neue Religion anbieten möchte.
Nicht, weil ich behaupten werde, am Ende dieser Seiten sämtliche Geheimnisse unseres Planeten aufgeklärt zu haben.
Sondern weil ich mir über viele Jahre angewöhnt habe, offiziellen Erklärungen ebenso wenig einen automatischen Wahrheitsbonus einzuräumen wie alternativen Erzählungen.
Ich bin Jurist. Mich interessiert die Indizwirkung.
Ein einzelnes Indiz beweist wenig.
Zehn Indizien können etwas anderes bedeuten.
Und wenn bestimmte Muster über Jahrzehnte oder Jahrhunderte immer wieder auftauchen – Zugangskontrolle, verlorene Originale, institutionelle Informationshoheit, ungewöhnliche Karten, militärische Interessen, widersprüchliche Darstellungen –, dann halte ich es für legitim, irgendwann nicht mehr nur jedes einzelne Puzzleteil zu betrachten.
Dann darf man auch das Bild betrachten, das daraus entsteht.
Beginnen wir deshalb mit einem Mann, der schon 1872 wusste, dass die Welt eine erstaunliche Sache ist.
Sein Name war Phileas Fogg.
1. Phileas Fogg und eine scheinbar lächerliche Frage
In Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt wettet der englische Gentleman Phileas Fogg, dass es ihm gelingen werde, den Globus innerhalb von achtzig Tagen zu umrunden.
London.
Suez.
Bombay.
Kalkutta.
Hongkong.
Yokohama.
San Francisco.
New York.
London.
Einmal herum.
Wir kennen die Geschichte.
Aber stellen wir eine Frage, die Jules Verne vermutlich gefallen hätte:
Um welche Welt ist Phileas Fogg eigentlich gereist?
Um eine Kugel?
Um eine Ebene?
Um einen geometrischen Körper, dessen Gestalt sich ausschließlich aus den tatsächlich gemessenen Entfernungen rekonstruieren ließe?
Eine Weltumrundung allein beantwortet diese Frage nämlich noch nicht.
Auch auf einer kreisförmigen Fläche kann ein Reisender eine geschlossene Route zurücklegen und am Ausgangspunkt ankommen.
Interessant wird es erst, wenn wir anfangen, Distanzen, Winkel und Reisezeiten zu vergleichen.
Und genau das werden wir tun.
Aber vorher müssen wir sehr weit zurückgehen.
2. Babylon: die Welt als Scheibe – und etwas dahinter
Eine der ältesten erhaltenen Weltkarten der Menschheit ist klein genug, um sie in zwei Händen zu halten.
Sie liegt heute im British Museum.
Die sogenannte Imago Mundi, die babylonische Weltkarte, zeigt die bekannte Welt ausdrücklich als Scheibe. Um diese Welt herum verläuft ein ringförmiges Gewässer, das als „Bitter River“ bezeichnet wird.
Und außerhalb dieses Rings befinden sich weitere Regionen – die sogenannten nagu.
Das British Museum beschreibt die Darstellung genau so: eine scheibenförmige Welt, umgeben von einem Wasserring, und jenseits dieses Rings acht außenliegende Gebiete.

[Echte Aufnahme der babylonischen Weltkarte, ca. 700–500 v. Chr., British Museum, Inventar ME 92687I]
Das beweist nicht, dass die Babylonier eine fotografisch korrekte Landkarte des gesamten Planeten besaßen.
Aber diese Feststellung interessiert mich zunächst weniger als die Darstellung selbst.
Denn hier erscheint bereits vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden ein Motiv, das uns später wieder begegnen wird:
die bekannte Welt, eine äußere Grenze – und etwas dahinter.
War das Mythologie?
Kosmologie?
Geografie?
Vielleicht von allem etwas.
Wir wissen jedenfalls, dass dieses Weltbild existierte.
Und wir wissen noch etwas:
Menschen haben die Gestalt ihrer Welt niemals nur vermessen.
Sie haben sie immer auch erzählt.
3. Die Griechen und der berühmteste Stock der Wissenschaftsgeschichte
Später beginnt eine andere Tradition.
Nicht mehr nur zeichnen.
Messen.
Namen wie Pythagoras, Aristoteles und schließlich Eratosthenes von Kyrene stehen für die Vorstellung einer kugelförmigen Erde.
Eratosthenes soll um 240 vor Christus einen bemerkenswert einfachen Gedanken genutzt haben.
In Syene, dem heutigen Assuan, stand die Sonne zu einem bestimmten Zeitpunkt nahezu senkrecht. Zur gleichen Zeit warf ein senkrechter Gegenstand in Alexandria einen Schatten.
Der Winkel betrug ungefähr 7,2 Grad.
Kennt man den Abstand zwischen den beiden Orten und nimmt man nahezu parallel einfallende Sonnenstrahlen an, lässt sich daraus geometrisch ein Erdumfang bestimmen.

[Eratosthenes: hochwertige Rekonstruktion der Weltkarte nach Eratosthenes / Rekonstruktion, da das antike Original nicht erhalten ist]
Das ist ein elegantes Experiment.
Aber auch Eleganz ersetzt keine Fragestellung.
Denn dieselben gemessenen Größen – Schattenlänge, Winkel, Entfernung, Zeitpunkt – müssen zunächst von einem Modell interpretiert werden.
Im Kugelmodell erklärt die Krümmung der Oberfläche den unterschiedlichen Winkel.
In Ebenenmodellen wird mit einer näheren, über der Fläche befindlichen Sonne argumentiert.
Damit entsteht die eigentlich wissenschaftliche Aufgabe:
Nicht:
Wer hat die schönere Zeichnung?
Sondern:
Welches Modell kann dieselben Schattenmessungen gleichzeitig an vielen Orten und zu vielen Zeitpunkten korrekt vorhersagen?
Das ist ein Unterschied.
Und er wird für diesen gesamten Essay wichtig bleiben.
4. Die Kirche und die merkwürdige Geschichte von der Wahrheit
Viele von uns haben irgendwann die Geschichte gehört, die mittelalterliche Kirche habe die Erde für eine Scheibe gehalten, bis mutige Entdecker sie eines Besseren belehrten.
So einfach war es historisch nicht.
Die Kugelgestalt der Erde war unter mittelalterlichen Gelehrten keineswegs unbekannt.
Warum erwähne ich das?
Weil darin bereits eine wunderbare Warnung steckt.
Selbst eine Geschichte darüber, welchen Irrtum frühere Menschen angeblich glaubten, kann später zu einer vereinfachten Legende werden.
Institutionen produzieren Narrative.
Religionen tun es.
Staaten tun es.
Medien tun es.
Unternehmen tun es.
Und selbstverständlich tun es auch Gegenbewegungen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Narrativ falsch wäre.
Aber es bedeutet, dass der Satz
„Das haben wir immer so gelernt“
für sich genommen überhaupt nichts beweist.
Die Geschichte großer Institutionen gibt ohnehin wenig Anlass, Autorität mit Wahrheit zu verwechseln.
Gerade religiöse Institutionen haben über Jahrhunderte Macht ausgeübt, Vermögen angehäuft und politische Interessen verfolgt. Die Missbrauchsskandale und deren teilweise jahrzehntelange institutionelle Vertuschung sind ein drastisches modernes Beispiel dafür, wie weit die Selbstdarstellung einer Institution und ihre interne Realität auseinanderliegen können.
Warum sollte man diese Lehre ausgerechnet dort vergessen, wo Institutionen über Informationen verfügen, die der normale Bürger nicht selbst beschaffen kann?
5. Magellan: einmal herum – aber worum?
1519 begann Ferdinand Magellans Expedition.
Magellan selbst sollte die Reise nicht vollenden. Er starb 1521 auf den Philippinen. Juan Sebastián Elcano brachte die Victoria 1522 zurück nach Spanien.
Die erste dokumentierte Weltumsegelung war gelungen.
Damit kann man beweisen, dass eine geschlossene Route um die Erde möglich ist.
Aber beweist eine Umrundung automatisch eine Kugel?
Nicht unbedingt.
Auch auf einer kreisförmigen Karte könnte jemand in einer Richtung fahren und irgendwann wieder am Ausgangspunkt erscheinen.
Die mathematisch viel unangenehmere Frage lautet daher:
Welche Entfernungen entstehen dabei?
Und hier beginnt eine Schwachstelle jedes beliebigen Weltmodells.
Ein Modell darf sich nämlich nicht für London–New York eine Geometrie aussuchen und für Sydney–Santiago plötzlich eine andere.
Es muss gleichzeitig erklären:
London–Tokio.
Perth–Johannesburg.
Kapstadt–Melbourne.
Auckland–Santiago.
Buenos Aires–Sydney.
Und genau im Süden werden die Unterschiede verschiedener Projektionen besonders interessant.
Phileas Fogg bekommt später also noch eine zweite Reise.
6. Piri Reis: Woher kamen die Karten?
1513 fertigte der osmanische Admiral und Kartograf Piri Reis eine Karte an, die bis heute Diskussionen hervorruft.
Das erhaltene Fragment wurde 1929 in der Bibliothek des Topkapı-Palastes entdeckt. Die UNESCO bezeichnet es als bedeutendes kartografisches Dokument und zählt es zu den frühen Werken, auf denen Terra Australis erscheint.

[Piri Reis, 1513: tatsächliches erhaltenes Kartenfragment]
Über den südlichen Verlauf dieser Karte wird seit Jahrzehnten gestritten.
Manche erkennen darin lediglich eine verzerrte Fortsetzung Südamerikas.
Andere sehen Elemente eines hypothetischen Südkontinents.
Wieder andere interpretieren Teile als Kenntnis antarktischer Küsten.
Ich möchte diese Diskussion an dieser Stelle gar nicht entscheiden.
Mich interessiert etwas anderes.
Piri Reis arbeitete mit älteren Karten.
Das sagt er selbst.
Damit wird die Frage nach dem Alter einzelner geografischer Informationen interessant.
Wie viele Karten gab es, die nicht erhalten geblieben sind?
Welche Kenntnisse wanderten über Jahrhunderte von Seefahrer zu Seefahrer, von Bibliothek zu Bibliothek?
Und wie sicher können wir heute rekonstruieren, was Menschen kannten, wenn die zugrunde liegenden Quellen verloren sind?
Eine verschwundene Quelle beweist nichts.
Aber sie erlaubt auch niemandem, ihren Inhalt im Nachhinein mit absoluter Gewissheit zu bestimmen.
7. Oronce Fine und das riesige unbekannte Südland
Nur achtzehn Jahre später, 1531, veröffentlichte Oronce Fine, auch Orontius Finaeus genannt, eine Weltkarte, auf der ein gewaltiger südlicher Kontinent erscheint:
Terra Australis.
Die Library of Congress bezeichnet Fines Karte als die früheste bekannte Karte, auf der dieser Name erscheint. Zugleich verweist sie darauf, dass bereits antike Geografen einen südlichen Kontinent angenommen hatten.

[ORONCE FINE, 1531]
Hier stehen zwei Möglichkeiten nebeneinander.
Vielleicht handelt es sich um reine theoretische Kosmografie.
Vielleicht wurden zusätzlich Berichte, ältere Karten oder Seefahrerinformationen verarbeitet.
Vielleicht beides.
Aber die Karte existiert.
Und die gigantische Terra Australis steht dort.
Lange bevor die Antarktis nach heutiger Geschichtsschreibung systematisch vermessen wurde.
Dazu kommen Welt- und Polarkarten des 17. Jahrhunderts von Kartografen wie Willem Blaeu, Joan Blaeu, Frederik de Wit und Justus Danckerts.
Im Internet kursiert außerdem seit Jahren die Behauptung einer sogenannten „Vatikan-Karte von 1680“ mit ungewöhnlichen südlichen Gebieten.
Für genau diese konkrete Zuschreibung habe ich bislang keine eindeutige vatikanische Archivsignatur gefunden.
Das ist wichtig.
Es bedeutet aber lediglich: Die Provenienz dieser konkreten Behauptung ist offen.
Es bedeutet nicht, dass die zahlreichen realen ungewöhnlichen Südpolkarten des 16. und 17. Jahrhunderts plötzlich verschwinden.
8. Dr. Kobayashi: Eine merkwürdige Zeitungsmeldung von 1907
Und dann stoßen wir auf eine Geschichte, die bemerkenswert modern klingt – obwohl sie mehr als hundert Jahre alt ist.
Am 11. Januar 1907 veröffentlichte die Hawaiian Gazette einen Artikel mit der Überschrift:
„Was This World Map Made Ten Centuries Ago?“
Im Mittelpunkt stand Dr. Kobayashi, ein japanischer Arzt in Honolulu.
Nach dem damaligen Bericht hatte sein Bruder in einem buddhistischen Tempel in den Bergen Japans eine alte Weltkarte gefunden. Kobayashi vertrat die Auffassung, die Vorlage könne ungefähr tausend Jahre alt sein und auf chinesische Priester zurückgehen.
Genau das berichtete die Zeitung 1907.

[HAWAIIAN GAZETTE / KOBAYASHI-KARTE, 1907]
Damit ist das Alter der Karte selbstverständlich nicht automatisch bewiesen.
Aber eines ist bewiesen:
Diese Geschichte wurde 1907 veröffentlicht.
Lange vor TikTok.
Lange vor Telegram.
Lange vor YouTube.
Lange bevor irgendjemand den Begriff „Flat-Earth-Influencer“ kannte.
Und die Karte zeigt eine kreisförmige, nordpolzentrierte Vorstellung der Welt.
Schon deshalb gehört sie in unsere Akte.
9. Alexander Gleason – „as it is“
1892 erschien Alexander Gleasons New Standard Map of the World.
Der Nordpol liegt im Zentrum.
Die Kontinente breiten sich kreisförmig darum aus.
Die südlichen Regionen liegen am äußeren Bereich.
Die Boston Public Library beschreibt die Karte als eine in eine kreisförmige Ebene übertragene beziehungsweise azimutale Darstellung. Gleason selbst verband seine Karte mit seiner Ablehnung des Kugelmodells.

[GLEASON-KARTE, 1892]
Wiederum gilt:
Eine Karte beweist nicht automatisch die Gestalt dessen, was sie abbildet.
Aber sie liefert ein Modell.
Und Modelle lassen sich überprüfen.
Man misst Entfernungen.
Man misst Winkel.
Man misst Reisezeiten.
Dann schaut man, was übrig bleibt.
10. Der Eiswall – und die Welt dahinter
Heute findet man im Netz monumentale Darstellungen unter Bezeichnungen wie Terra Infinita oder The World Beyond the Ice Wall.
Sie zeigen die bekannte Welt im Zentrum, eine Eisgrenze und dahinter weitere Ozeane, Kontinente und Zivilisationen.

[ „THE WORLD BEYOND THE ICE WALL“]
Hier ist eine Unterscheidung notwendig.
Eine der bekanntesten dieser modernen Karten stammt von dem Künstler Ohawhewhe. Der Urheber selbst bezeichnet sie als kollaboratives Worldbuilding-Projekt – als bewusst entwickelte Fantasiewelt, in der alternative Geschichte, Mythologien und Verschwörungserzählungen miteinander kombiniert werden.
Das heißt: Diese konkrete Karte ist kein heimliches Dokument aus dem 17. Jahrhundert.
Daneben existieren Vorstellungen wie Claudio Nocellis Terra Infinita.
Doch die moderne Entstehung bestimmter Grafiken erledigt die ältere Frage nicht:
Warum taucht die Vorstellung einer bekannten Welt mit einer Grenze und einem unbekannten „Dahinter“ in so unterschiedlichen historischen Zusammenhängen immer wieder auf?
Vielleicht ist es ein universales mythologisches Motiv.
Vielleicht ist es die menschliche Faszination für unbekannte Räume.
Vielleicht steckt in einzelnen Überlieferungen mehr.
Damit kommen wir zur Antarktis.
Und zu Richard E. Byrd.
11. Richard E. Byrd: „Beyond the Pole“
Rear Admiral Richard Evelyn Byrd war Marineoffizier, Pilot und einer der bekanntesten Polarforscher des 20. Jahrhunderts.
Er war keine anonyme Figur aus einem Internetforum.
Am 8. Dezember 1954 trat Byrd in der amerikanischen Fernsehsendung Longines Chronoscope auf. Die National Archives führen dieses Interview ausdrücklich in ihrem Bestand.

[ RICHARD E. BYRD IN DER ANTARKTIS]
In einer heute verbreiteten Transkription dieses Interviews spricht Byrd von einem Gebiet etwa von der Größe der Vereinigten Staaten, das kein Mensch gesehen habe, und verwendet dafür die Formulierung „beyond the pole“. Im selben Gespräch spricht er über die wissenschaftliche, wirtschaftliche und mögliche strategische Bedeutung der Antarktis und über Rohstoffe.
Was bedeutet „beyond the pole“?
Auf der anderen Seite des Südpols innerhalb des antarktischen Kontinents?
Oder mehr?
Darüber kann man diskutieren.
Aber Byrds Aussage sollte man zuerst hören, bevor man anderen erklärt, was er angeblich nie gesagt habe.
Dazu kommt das sogenannte „Secret Diary“, das Byrd zugeschrieben wird und erheblich weitergehende Geschichten enthält.
Seine Provenienz ist bislang nicht in einer Weise gesichert, die es mir erlaubt, es als authentisches Byrd-Tagebuch auszugeben.
Deshalb bleibt es in diesem Artikel das, was es ist:
ein Byrd zugeschriebener Text, dessen Herkunft weiter geprüft werden muss.
Das echte Interview brauchen wir ohnehin nicht zu erfinden.
Es ist interessant genug.
12. Operation Highjump: 4.700 Menschen fahren ins Eis
1946/47 folgte Operation Highjump.
Eine riesige amerikanische Antarktisoperation.
Rund 4.700 Männer.
13 Schiffe.
Zahlreiche Flugzeuge.
Militärische Logistik in einem bis dahin kaum erschlossenen Gebiet. Selbst historische Darstellungen beschreiben Highjump als die bis dahin größte Antarktisexpedition.
Die offiziellen Ziele umfassten Erkundung, Kartierung, Polartraining, Logistik und wissenschaftliche Aufgaben.
Das kann man lesen.
Man kann aber auch eine andere Frage stellen:
Warum dieser Aufwand?
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg führt die US Navy eine Operation von enormer Dimension in einer Region durch, die kaum Bevölkerung, kaum Infrastruktur und angeblich zunächst nur wissenschaftliches Interesse besitzt.
Byrd selbst spricht wenige Jahre später öffentlich über Rohstoffe und strategische Bedeutung.
Für mich besitzt diese Kombination zumindest Indizwirkung.
Sie ist kein Beweis für geheime Kontinente.
Aber sie ist auch kein belangloser Ausflug einiger Geologen.
13. Die Antarktis: Wenn Reisen plötzlich Genehmigungssache wird
Und damit sind wir bei einem Punkt, der mich persönlich besonders interessiert.
Man kann in die Gobi reisen.
Man kann sich in das australische Outback begeben.
Man kann durch riesige Teile Südamerikas fahren.
Natürlich existieren auch dort Grenzen, Nationalparks, indigene Schutzgebiete, Sicherheitsregeln und örtliche Genehmigungen.
Aber bei der Antarktis begegnet uns etwas strukturell anderes.
Nach deutschem Recht gilt als „Tätigkeit“ unter anderem eine Expedition, Reise, Versorgungsfahrt oder ein Flug in die oder in der Antarktis, wenn das Unternehmen in Deutschland organisiert wird oder von hier ausgeht. Für solche Tätigkeiten besteht grundsätzlich eine Genehmigungspflicht.
Das Gesetz geht weit.
Bei bestimmten Vorhaben werden Umweltprüfungen, Alternativdarstellungen und internationale Beteiligungen vorgesehen; besonders geschützte Gebiete dürfen ohne Genehmigung nicht einmal betreten, befahren oder überflogen werden.
Nun kann man sagen:
Umweltschutz.
Sicherheit.
Internationales Vertragsregime.
Alles nachvollziehbar.
Aber hier beginnt für mich die Frage erst.
Denn eine formale Möglichkeit, einen Antrag zu stellen, ist noch lange nicht dasselbe wie tatsächliche Bewegungsfreiheit.
Wer ein Restaurant eröffnen möchte, weiß ebenfalls, dass die Existenz eines Antragsformulars noch nichts über die praktische Chance einer Genehmigung sagt.
Mich interessiert daher nicht:
„Kann ich einen Antrag stellen?“
Mich interessiert:
Was passiert, wenn jemand wirklich unabhängig fahren möchte?
Nicht mit einem Kreuzfahrtschiff auf einer bekannten Route.
Nicht als Teilnehmer eines Reiseveranstalters.
Sondern mit einem hochseetüchtigen Boot, eigener Ausrüstung, eigenem Sicherheitskonzept und dem erklärten Ziel, historische Expeditionsorte und weiter abgelegene Regionen anzufahren.
Mir wurde vor einigen Jahren von einem Unternehmer und Rechtsanwalt aus meinem damaligen persönlichen Umfeld genau ein solcher Fall geschildert.
Er wollte mit einem verkehrstüchtigen Boot aus dem Südpazifik in Richtung Antarktis fahren und verschiedene historische Camps beziehungsweise Expeditionspunkte mit entsprechender Ausrüstung aufsuchen.
Nach seiner damaligen Darstellung wurde das Vorhaben unter Hinweis auf nicht ausreichend berücksichtigte Sicherheitsaspekte abgelehnt.
Den Bescheid besitze ich heute nicht.
Ich kann ihn deshalb nicht als Beweisstück präsentieren.
Aber die Geschichte hat mein Interesse an einer viel wichtigeren Frage geweckt:
Wie viele wirklich unabhängige Antarktisvorhaben werden beantragt – und wie viele davon werden tatsächlich genehmigt?
Interessant ist in diesem Zusammenhang sogar eine vom Umweltbundesamt beauftragte Untersuchung zum Seeverkehr in der Antarktis. Dort wurde die Sicherheit kleiner Yachten diskutiert; behauptete häufige Rettungsfälle erwiesen sich bei näherer Nachfrage offenbar eher als Befürchtungen denn als tatsächlich belegte Fälle.
Das ist bemerkenswert.
Nicht als Beweis einer Verschwörung.
Aber als Erinnerung daran, dass das Wort „Sicherheit“ in einem Genehmigungsverfahren eine Begründung sein kann – und zugleich genau geprüft werden muss.
Das pauschale Schlagwort vom vollständigen „Überflugverbot“ ist zu grob.
Aber daraus folgt nicht, dass der antarktische Luftraum mit irgendeiner Wüste vergleichbar wäre.
Auch Flüge sind Teil dieses dicht regulierten Systems.
Für mich liegt die Indizwirkung deshalb nicht in dem Satz:
„Niemand darf hin.“
Sondern in der Frage:
Warum wird ein ganzer Kontinent rechtlich, politisch und praktisch so anders behandelt als nahezu jeder andere Großraum der Erde?
14. Und jetzt kommt NASA
Natürlich endet eine Diskussion über die Gestalt der Erde irgendwann bei NASA.
„Wir haben doch Fotos.“
Richtig.
Aber auch hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Denn das Wort „Foto“ wird für sehr unterschiedliche Dinge verwendet.
Das berühmte Apollo-17-Bild vom 7. Dezember 1972, AS17-148-22727, wird als einzelne fotografische Aufnahme geführt.
Daneben existieren die ebenfalls berühmten Blue-Marble-Darstellungen von 2002.
NASA beschreibt selbst, dass dafür Beobachtungen über mehrere Monate aus unterschiedlichen Satellitendaten zusammengefügt wurden – Land, Ozeane, Eis und Wolken wurden zu einem nahtlosen naturfarbenen Mosaik kombiniert.

[BLUE MARBLE 1972]
Das ist keine Anschuldigung.
Es ist eine technische Unterscheidung.
Ein Foto eines Augenblicks ist etwas anderes als ein Komposit.
Ein Komposit ist etwas anderes als eine Visualisierung.
Eine Falschfarbendarstellung ist etwas anderes als ein optisches Foto.
Wer Bilder als Beweise verwendet, sollte deshalb wenigstens sagen, welche Art von Bildprodukt vor ihm liegt.
Und dann kommt eine Frage, die immer wieder gestellt wird:
Wo sind eigentlich die Satelliten?
Bei den Größenverhältnissen können einzelne Satelliten auf einer vollständigen Erdaufnahme tatsächlich weit unterhalb eines Pixels liegen.
Aber die entscheidende medienkritische Frage ist ohnehin eine andere:
Wie viel des veröffentlichten Bildes stammt unmittelbar vom Sensor – und welche Schritte liegen zwischen Sensor und Endprodukt?
Das sollte keine ketzerische Frage sein.
Das sollte eine selbstverständliche Frage sein.
15. Wer fotografierte eigentlich den ersten Mann auf dem Mond?
Dann folgt der berühmteste Ausflug der Menschheit.
Apollo 11.
Neil Armstrong.
Und die Frage, die so banal klingt, dass man darüber lachen kann:
Wenn Armstrong der erste Mann auf dem Mond war – wer filmte ihn beim Aussteigen?
Die Missionsunterlagen beschreiben eine außen an der Mondlandefähre montierte Kamera, die durch das Herunterklappen der MESA auf den Bereich der Leiter ausgerichtet wurde.
Das ist die angegebene technische Erklärung.
Gut.
Aber betrachten wir einmal die Mondlandefähre selbst.
Eine bizarre Konstruktion aus Folien, Streben, Platten, Leitungen und dünn wirkenden Außenflächen.
Ein modernes Auge erwartet von einem „Raumschiff“ instinktiv etwas ganz anderes.
Nun benötigt ein Fahrzeug im Vakuum keine Aerodynamik wie ein Flugzeug. Die Aufstiegsstufe war zudem nur ein Teil der gesamten Landefähre.
Auch das ist die technische Darstellung.
Doch genau hier beginnt meine persönliche Skepsis:
Ich halte es für vollkommen legitim, eine außergewöhnliche Behauptung nicht dadurch als erledigt anzusehen, dass eine Behörde eine technische Erklärung veröffentlicht.
Man darf sich die Masse ansehen.
Den Schub.
Den Treibstoff.
Die Steuerung.
Die Navigation.
Die Temperaturen.
Die Kommunikation.
Und dann rechnen.
16. Die Mondkulisse gab es tatsächlich
Besonders interessant wird es bei den Bildern.
Denn künstliche Mondlandschaften gab es selbstverständlich.
NASA hat sie selbst dokumentiert.
Armstrong und Aldrin trainierten vor Apollo 11 mit Mondlandefähren-Mock-ups, Raumanzügen, künstlichem Untergrund und Simulationen.

[ APOLLO-11-TRAINING IN HOUSTON]
Das allein beweist überhaupt nicht, dass die Mondlandung in einem Studio gedreht wurde.
Aber es bedeutet:
Es existierten reale Sets, auf denen genau diese Situationen fotografisch und filmisch simuliert wurden.
Damit darf man eine interessante Frage stellen:
Wenn man zwei Fotografien ohne Beschriftung nebeneinanderlegt – eine dokumentierte Trainingsaufnahme und eine als Mondaufnahme veröffentlichte –, anhand welcher intrinsischen Bildmerkmale könnte ein unabhängiger Betrachter zuverlässig entscheiden, welche welche ist?
Licht.
Schatten.
Filmmaterial.
Objektive.
Staub.
Hintergrund.
Entwicklung.
Negative.
Das ist keine Beleidigung für Wissenschaft.
Das ist Bildforensik.
17. Das historische Original – leider wiederverwendet
Und jetzt wird die Sache für mich wirklich merkwürdig.
Über Jahre wurde nach den ursprünglichen Apollo-11-Telemetriebändern gesucht, auf denen das Rohsignal des Moonwalks aufgezeichnet worden war.
Die Suche rekonstruierte schließlich, dass entsprechende Ein-Zoll-Bänder später offenbar zurückgerufen und zur Behebung eines Bandmangels entmagnetisiert und wiederverwendet beziehungsweise teilweise entsorgt wurden.
Der Abschlussbericht schreibt ausdrücklich von ungefähr 45 Bändern mit dem tatsächlichen Moonwalk-Videosignal, deren besonderer Inhalt damals nicht erkannt worden sei.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Eines der bedeutendsten technischen und medialen Ereignisse der Menschheitsgeschichte.
Und ausgerechnet bestimmte originale Rohsignalbänder wurden später wiederverwendet.
Natürlich gibt es eine organisatorische Erklärung dafür.
Aber eine Erklärung ist nicht dasselbe wie eine Verpflichtung, sie überzeugend zu finden.
Ich persönlich finde diesen Vorgang erstaunlich.
Würde ein Museum erklären, das Original eines Jahrhundertdokuments sei übermalt worden, weil gerade Leinwandknappheit herrschte, würde vermutlich niemand sagen:
„Na dann ist ja alles geklärt.“
Zumal umfangreiches Apollo-Material weiterhin existiert – Flugpläne, Transkripte, Bilder, Audiodaten und technische Dokumente.
Gerade deshalb lautet die präzise Frage:
Warum fehlen ausgerechnet diese originalen Rohsignalbänder?
18. Nixon telefoniert mit dem Mond
Dann sitzt Richard Nixon im Weißen Haus und spricht mit Armstrong und Aldrin.
Ein grandioses Fernsehbild.
Heute wird daraus gelegentlich behauptet, das Gespräch sei ohne Verzögerung erfolgt.
Das muss man nicht glauben.
Man kann es messen.
Die mittlere Erde-Mond-Distanz liegt in einer Größenordnung von rund 384.000 Kilometern. Licht beziehungsweise Funk benötigt dafür ungefähr 1,3 Sekunden in eine Richtung.
Frage und Antwort benötigen also schon rein physikalisch mindestens ungefähr 2,6 Sekunden für Hin- und Rückweg – zuzüglich menschlicher Reaktionszeit und technischer Signalwege.
Damit besitzt jeder Interessierte ein erstaunlich einfaches Experiment:
Nimm die ungeschnittene Aufnahme.
Setze einen Zeitcode an das Ende von Nixons Satz.
Setze einen zweiten an den Beginn der Antwort.
Und miss.
Ich finde solche Prüfungen hundertmal spannender als die Aussage:
„NASA sagt …“
oder:
„Im Internet sagt jemand …“
Hier kann man selbst hinschauen.
19. Der Fußabdruck
Dann gibt es das berühmte Bild:
einen tief geriffelten Abdruck im Mondboden.
Daneben werden im Netz häufig Fotos von Raumanzugstiefeln gezeigt, deren Sohle anders aussieht.

[ APOLLO-11-FUSSABDRUCK]
Die Missionsdokumentation verweist darauf, dass für die Außenaktivität zusätzliche Lunar Overshoes beziehungsweise Überstiefel verwendet wurden.
Damit stehen wieder mehrere Dinge auf dem Tisch:
das Foto des Abdrucks,
das Schuhwerk des Raumanzugs,
die dokumentierten Überstiefel.
Der nächste Schritt sollte nicht Glauben sein.
Er sollte Vergleich sein:
Passt das Profil?
Passen Breite und Rillenabstand?
Passen die Abmessungen?
Genau so möchte ich mit sämtlichen Argumenten dieses Artikels umgehen.
Keine Institution erhält ein Freilos.
Aber auch kein virales Bild.
20. Das Flugzeug, das der Erde angeblich nicht folgt
Kommen wir zurück auf unseren Planeten.
Ein Flugzeug fliegt tausende Kilometer.
Auf einer gekrümmten Oberfläche müsste sich seine lokale Horizontale während des Fluges ständig verändern.
Warum erlebt der Pilot nicht das Gefühl, permanent „nach unten“ zu steuern?
Das Kugelmodell verweist auf lokale Vertikale, Gravitation, Druckhöhe, Trägheitsnavigation und Autopilot.
Das ist eine technische Erklärung.
Aber für mich ist damit die Frage noch nicht beendet.
Denn eine physikalische Erklärung muss sich in Messdaten übersetzen lassen.
Welche Lageänderungen registrieren die inertialen Systeme?
Welche Pitch-Korrekturen erfolgen tatsächlich?
Wie werden lokale Vertikale und geodätische Bezugssysteme berechnet?
Das ließe sich anhand von Flugdaten untersuchen.
Gerade dort sollte eine Diskussion hinführen.
Nicht zur Plattitüde.
Zur Messung.
21. Der Laser über 80 Kilometer
Jetzt wird es besonders interessant.
Nehmen wir eine idealisierte Kugel mit einem Radius von rund 6.371 Kilometern.
Über 80 Kilometer ergibt sich gegenüber einer Tangente eine erhebliche geometrische Abweichung.
Betrachtet man zwei gleich hohe Endpunkte und ihre direkte Verbindung, liegt die ideale Wölbung in der Mitte der Strecke bei rund 126 Metern.

[80-KILOMETER-LASER-SCHAUBILD]
Damit kann man experimentieren.
Senderhöhe.
Empfängerhöhe.
Distanz.
Laser.
GPS beziehungsweise geodätische Vermessung.
Temperaturprofil.
Luftdruck.
Luftfeuchtigkeit.
Und dann messen.
Häufig wird an dieser Stelle sofort das Wort Refraktion eingeworfen.
Selbstverständlich existiert atmosphärische Lichtbrechung.
Aber „Refraktion“ ist keine Antwort.
Es ist eine Variable.
Wenn sie ein Ergebnis erklären soll, muss ihre Größenordnung unter den konkreten Bedingungen bestimmt werden.
Wie stark war der Temperaturgradient?
Welche Brechung ergibt sich daraus?
Reicht sie aus, um die beobachtete Sichtverbindung zu erklären?
Das von mir angesprochene Langstreckenexperiment – unter anderem werden in diesem Zusammenhang Versuche in Wüstenregionen genannt – möchte ich deshalb nur dann als konkretes Beweisstück verwenden, wenn wir die originale Versuchsdokumentation mit Senderhöhe, Entfernung und atmosphärischen Daten erhalten.
Aber die Versuchsidee selbst ist hervorragend.
Denn sie zwingt beide Seiten zur Mathematik.
22. Der Himmel gehört niemandem
Vielleicht liegt das stärkste Labor ohnehin über unseren Köpfen.
Der Himmel lässt sich nicht absperren.
Sterne verändern ihre beobachtete Position mit dem Standort.
Der Polarstern verändert seine Höhe mit der geografischen Breite.
Auf der Südhalbkugel erscheinen andere Sternbilder.
Sonnenstände ändern sich.
Finsternisse lassen sich vorhersagen.
Das Foucault-Pendel zeigt abhängig vom Standort ein bestimmtes Rotationsverhalten.
Jedes Weltmodell muss das erklären.
Nicht eines davon.
Alles gleichzeitig.
Das ist der entscheidende Punkt.
Wer eine alternative Weltgeometrie vorschlägt, muss damit nicht nur einen Laserstrahl erklären.
Er muss den Himmel über München, Sydney, Kapstadt, Santiago und Alaska gleichzeitig rekonstruieren können.
Aber exakt derselbe Maßstab gilt für jedes etablierte Modell:
Nicht weil Millionen Menschen es akzeptieren.
Sondern weil seine Berechnungen funktionieren müssen.
23. Phileas Fogg bekommt zwei Karten
Und jetzt kehren wir endlich zu Jules Verne zurück.
Phileas Fogg sitzt im Reform Club.
Vor ihm liegen zwei Karten.
Modell A: die Erde als Kugel.
Modell B: eine nordpolzentrierte Ebene mit den südlichen Gebieten am äußeren Bereich.

[ KUGEL UND EBENENMODELL IM DIREKTEN VERGLEICH]
Fogg bekommt keine NASA.
Keine Regierung.
Keine Flat-Earth-Website.
Nur eine Uhr.
Einen Sextanten.
Navigation.
Fahrpläne.
Und gemessene Entfernungen.
Dann schicken wir ihn nicht nur von London nach New York.
Wir schicken ihn nach Süden.
Sydney–Santiago.
Perth–Johannesburg.
Kapstadt–Melbourne.
Auckland–Südamerika.
Nun müssen beide Karten liefern.
Wie viele Kilometer?
Welche Richtung?
Welche Reisezeit?
Welche Geschwindigkeit?
Wo befindet sich die Sonne?
Welche Sterne sind sichtbar?
Genau an diesem Punkt gefällt mir unser Experiment am besten.
Denn plötzlich verliert das Wort „Verschwörungstheorie“ seine Funktion.
Eine Gleichung lässt sich nicht beleidigen.
Eine Entfernung lässt sich nicht canceln.
Eine Uhr interessiert sich nicht für Mehrheitsmeinungen.
24. Und wenn es doch kein Zufall ist?
Damit komme ich zu meiner persönlichen Schlussfolgerung.
Und hier möchte ich mich nicht hinter jener heute beliebten intellektuellen Komfortzone verstecken, in der man vierzig merkwürdige Dinge nebeneinanderstellt und anschließend schreibt:
„Nun, wir wissen es eben nicht.“
Doch.
Man darf aus Indizien eine Bewertung ableiten.
Man muss sie lediglich als Bewertung kenntlich machen.
Meine lautet:
Ich halte es für zunehmend unplausibel, sämtliche dieser Strukturen ausschließlich als voneinander unabhängige Zufälle zu betrachten.
Damit sage ich nicht, dass jede alte Karte geografisch korrekt ist.
Ich sage nicht, dass jedes Video im Internet wahr ist.
Ich sage nicht einmal, dass die Erde deshalb zwingend eine Scheibe sein müsse.
Was ich sage, ist etwas anderes.
Wir leben in einer Welt, in der Macht konzentriert ist.
Kapital ist konzentriert.
Information ist konzentriert.
Technische Möglichkeiten sind konzentriert.
Große Vermögensverwalter wie BlackRock, globale Konzerne, Regierungen, internationale Organisationen und milliardenschwere private Stiftungen – zu deren bekanntesten Akteuren etwa die Gates Foundation gehört – bewegen sich in Netzwerken, deren Entscheidungen enorme gesellschaftliche Reichweite besitzen.
Das allein beweist keinen geheimen Masterplan.
Aber ich halte es für naiv, daraus zu schließen, diese Machtkonzentrationen spielten für die Produktion und Verteilung von Informationen keine Rolle.
Institutionen schützen Interessen.
Sie schützen Zugänge.
Sie kontrollieren Kommunikation.
Sie machen Fehler.
Sie verschweigen Fehler.
Und die Geschichte zeigt genügend Beispiele dafür, dass Regierungen, Unternehmen, Kirchen und andere mächtige Organisationen Dinge bestritten haben, die später dokumentiert wurden.
Gerade deshalb halte ich eine Gesellschaft, die Skepsis gegenüber Macht mit einem abwertenden Etikett beantwortet, für gefährlicher als einen Menschen, der eine falsche Frage stellt.
Man hat das Wort „Verschwörungstheoretiker“ zu einer Art intellektueller Polizeikelle gemacht.
Stopp.
Nicht weiterdenken.
Dabei ist eine Verschwörung zunächst nichts Mystisches.
Menschen verabreden sich.
Unternehmen koordinieren Interessen.
Staaten betreiben Geheimhaltung.
Geheimdienste existieren gerade deshalb, weil nicht jede politische Operation öffentlich stattfinden soll.
Lobbyisten werden dafür bezahlt, Entscheidungen zu beeinflussen.
Das alles gehört zur Realität moderner Macht.
Meine Arbeitshypothese lautet deshalb nicht:
„Alles ist gelogen.“
Sie lautet:
Wo Macht, Informationshoheit und Zugangskontrolle dauerhaft zusammenfallen, halte ich Misstrauen für vernünftiger als Naivität.
Und genau deshalb interessieren mich Antarktisgenehmigungen.
Deshalb interessieren mich Byrds Aussagen.
Deshalb interessieren mich alte Karten.
Deshalb interessieren mich verlorene Originalbänder.
Deshalb interessiert mich der Unterschied zwischen einem Foto und einem Komposit.
Nicht, weil eines dieser Dinge allein eine alternative Welt beweist.
Sondern weil ihre Gesamtschau die Frage nach dem System hinter unserer Wissensproduktion erlaubt.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:
Ist die Erde eine Kugel oder eine Scheibe?
Vielleicht lautet sie:
Wer entscheidet eigentlich, welche Frage noch als vernünftig gelten darf?
Epilog: In 80 Tagen um die Welt
Jules Vernes Phileas Fogg gewann seine Wette schließlich aufgrund eines Details, das er selbst zunächst übersehen hatte.
Er war ostwärts um die Erde gereist und hatte dadurch einen Tag gewonnen.
Er hatte die Welt umrundet – und trotzdem etwas Entscheidendes nicht bemerkt.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe für unsere Reise.
Man kann jahrelang auf eine Karte schauen und nie fragen, wer sie gezeichnet hat.
Man kann tausendmal ein Bild sehen und nie fragen, wie es hergestellt wurde.
Man kann ein Gesetz lesen und nie fragen, wie es praktisch angewandt wird.
Man kann eine Erklärung hören und sie mit einem Beweis verwechseln.
Und man kann sich für aufgeklärt halten, während man lediglich sehr gut gelernt hat, die richtigen Antworten zu wiederholen.
Ich weiß nicht, ob Phileas Fogg heute achtzig Tage benötigen würde.
Wahrscheinlich nicht.
Aber ich weiß, welche Frage ich ihm stellen würde, wenn er wieder durch die Tür des Reform Clubs käme.
Nicht:
„Mr. Fogg, haben Sie die Welt umrundet?“
Sondern:
„Mr. Fogg – wie sah sie aus?“
Und sollte dann jemand aus seinem Ledersessel rufen:
„Das weiß doch jeder!“,
würde ich hoffen, dass Fogg seine Taschenuhr zuklappt, kurz schweigt und nur antwortet:








