Die große Zumutung
Posted on August 25th, 2026
Warum wir alles verändern – nur unsere Demokratie nicht
Über Wohlstand, Vertrauen, künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Erschöpfung – und über die Frage, welche Welt wir unseren Kindern eigentlich hinterlassen wollen.
Giovanni di Lorenzo hat eine Sammlung seiner großen Gespräche Vom Leben und anderen Zumutungen genannt. Schon der Titel bleibt hängen, vielleicht weil er etwas ausgesprochen Unromantisches und gerade deshalb Wahres über unsere Existenz sagt: Das Leben richtet sich nicht danach, was wir geplant haben. Es konfrontiert uns mit Alter und Krankheit, mit Verlust und Enttäuschung, mit beruflichen Umwegen und manchmal mit der ernüchternden Erkenntnis, dass selbst Erfolg nicht zwangsläufig Zufriedenheit bedeutet.
Das war vermutlich immer so.
Was sich verändert hat, ist etwas anderes. Zu den persönlichen Zumutungen des Lebens ist eine gesellschaftliche Zumutung hinzugekommen, die inzwischen beinahe permanent geworden ist. Kaum hat man sich an eine Veränderung gewöhnt, steht die nächste bereits vor der Tür. Lebenshaltungskosten steigen, sicher geglaubte Berufe verändern sich, künstliche Intelligenz stellt Qualifikationen infrage, die noch gestern als Zukunftsgarantie galten. Kriege und immer neue Kriegsszenarien bilden das Hintergrundrauschen unseres Alltags, Migration verändert Gesellschaften, Digitalisierung verspricht Freiheit und Komfort und produziert gleichzeitig eine Datenfülle über den Einzelnen, von der frühere Staatsapparate nur hätten träumen können.
Jede einzelne dieser Entwicklungen kann man erklären. Für fast jede gibt es nachvollziehbare Argumente, ökonomische Notwendigkeiten oder politische Begründungen. Das wirklich Interessante beginnt allerdings dort, wo all diese Veränderungen gleichzeitig stattfinden und sich gegenseitig verstärken.
Dann stellt sich irgendwann eine bemerkenswert einfache Frage:
Wie viele für sich genommen vernünftige Veränderungen kann eine Gesellschaft gleichzeitig verkraften, bevor ihre Lebenswirklichkeit unvernünftig wird?
Kinder brauchen Vertrauen
Vielleicht beschäftigt mich diese Frage heute stärker als früher, weil Zukunft plötzlich nicht mehr nur meine eigene Zukunft bedeutet.
Wer Kinder hat, betrachtet Zeit anders. Man denkt nicht mehr ausschließlich darüber nach, was in fünf oder zehn Jahren aus dem eigenen Beruf, dem eigenen Vermögen oder den eigenen Plänen geworden sein wird. Man beginnt sich vorzustellen, in welcher Welt diese Kinder einmal erwachsen werden sollen.
Und genau dieser Gedanke beunruhigt mich.
Nicht, weil ich glaube, früher sei alles besser gewesen. Das war es nicht. Jede Generation hatte ihre Krisen, ihre Ängste und ihre Irrtümer. Aber ich frage mich, welche Voraussetzungen wir unseren Kindern heute mitgeben und ob wir ihnen noch genügend von dem vermitteln können, was eine Persönlichkeit überhaupt erst stark macht: Vertrauen, Selbstwirksamkeit, Neugier, Mut und die Überzeugung, dass die eigene Zukunft grundsätzlich gestaltbar ist.
Der Neurobiologe Gerald Hüther hat einen seiner Texte mit einem wunderbar einfachen Satz überschrieben: „Kinder brauchen Vertrauen.“
Dieser Satz reicht weit über Pädagogik hinaus.
Kinder brauchen zunächst das Vertrauen, dass ihre Eltern da sind, wenn sie sie brauchen. Sie brauchen das Vertrauen, Fehler machen zu dürfen, ohne daran als Person zu scheitern, und sie müssen erleben, dass die Welt zwar nicht gefahrlos, aber grundsätzlich verstehbar und bewältigbar ist.
Vielleicht brauchen Erwachsene am Ende gar nichts so grundsätzlich anderes.
Auch eine Gesellschaft benötigt Vertrauen: das Vertrauen darauf, dass Anstrengung sich lohnt, dass Regeln einigermaßen verlässlich bleiben, dass Institutionen nicht gegen ihre Bürger arbeiten, dass Wahlen Bedeutung besitzen und dass morgen nicht zwangsläufig schlechter sein muss als heute.
Wenn dieses Vertrauen verschwindet, entsteht etwas, das sich in keiner Inflationsstatistik und keinem Bruttoinlandsprodukt vollständig messen lässt.
Eine Gesellschaft verliert ihre Zuversicht.
Und vielleicht ist genau das gegenwärtig unser größeres Problem.
Die Welt aus vielen Fenstern
Wer einen erheblichen Teil seines Lebens in unterschiedlichen Ländern verbracht hat, bekommt irgendwann einen eigentümlichen Blick auf die Welt. Man schaut nicht mehr nur aus dem Fenster des Landes, in dem man gerade wohnt.
Aus meinem internationalen Berufsleben sind Freundschaften, Kollegen, Bekannte und Kontakte in ungefähr zwanzig Ländern geblieben. Daraus lässt sich natürlich keine empirische Studie konstruieren, und ich würde niemals behaupten, dass einige Telefonate oder Gespräche eine internationale Statistik ersetzen könnten. Trotzdem entsteht daraus ein persönliches Seismogramm, und dessen Ausschläge sind bemerkenswert ähnlich.
Die politischen Systeme unterscheiden sich, ebenso die Einkommen, Kulturen und Lebensweisen. Trotzdem höre ich immer häufiger dieselben Beobachtungen: Das Leben ist teurer geworden, das verfügbare Einkommen reicht weniger weit, Wohnen wird schwieriger und kleine unternehmerische Möglichkeiten werden enger. Selbst Menschen, die sich noch vor zehn oder fünfzehn Jahren ohne Zögern zur wirtschaftlich sicheren Mittelschicht gezählt hätten, rechnen heute genauer.
Interessant ist daran weniger die ökonomische Entwicklung selbst als ihre psychologische Wirkung.
Denn Wohlstand besteht nicht ausschließlich aus dem Kontostand. Wohlstand ist auch eine Erwartung an die Zukunft: die Erwartung, dass sich Leistung lohnt, dass man planen kann, dass aus einer Ausbildung ein Beruf und aus Arbeit irgendwann vielleicht Eigentum entstehen kann; dass ein kleines Unternehmen wachsen darf und dass die eigenen Kinder zumindest eine realistische Chance haben, einmal besser oder wenigstens ebenso gut zu leben wie ihre Eltern.
Geht diese Erwartung verloren, verändert sich eine Gesellschaft lange bevor sie im statistischen Sinne arm geworden ist.
Man kann materiell noch ausgesprochen wohlhabend sein und sich trotzdem bereits im Niedergang fühlen.
Wenn Zukunft zur Unsicherheit wird
Ökonomische Unsicherheit bleibt nicht ökonomisch. Sie verändert Verhalten.
Wer nicht weiß, wie hoch seine Kosten im nächsten Jahr sein werden, investiert vorsichtiger. Wer nicht einschätzen kann, ob sein Beruf in zehn Jahren noch gebraucht wird, vermeidet Risiken. Wer wiederholt erlebt, dass sein Einkommen auf dem Papier steigt, sein tatsächlicher Lebensstandard aber sinkt, entwickelt irgendwann nicht nur wirtschaftliche, sondern gesellschaftliche Frustration.
Für Menschen mit erheblichem Vermögen beginnt dieser Prozess später. Inflation ist dort zunächst ein Problem der Vermögensstruktur, der Anlageentscheidung oder der Rendite.
Für Menschen, die vom monatlichen Einkommen leben, findet Inflation im Supermarkt statt.
Dazwischen steht eine Gruppe, die in vielen großen politischen Debatten erstaunlich wenig vorkommt: Selbstständige, kleine Unternehmer und mittelständische Betriebe. Sie tragen steigende Löhne, Energiepreise, Mieten, Versicherungen, Abgaben, Dokumentationspflichten und Regulierung, während auf der anderen Seite Kunden stehen, deren eigener finanzieller Spielraum kleiner wird.
Wer ein kleines Geschäft betreibt, weiß, dass Preise nicht beliebig erhöht werden können. Irgendwann wird aus unternehmerischer Kalkulation eine sehr persönliche Frage:
Warum tue ich mir das eigentlich noch an?
Das ist möglicherweise gefährlicher als manche Insolvenzstatistik. Eine Volkswirtschaft verliert ihre Kraft nicht erst, wenn Unternehmen schließen. Sie verliert sie bereits dann, wenn Menschen keine Lust mehr haben, eines zu gründen.
Die Psychologie des permanenten Alarms
Parallel dazu scheint sich unser gesellschaftliches Grundgefühl verändert zu haben. Wir leben in einem Zustand dauernder Alarmbereitschaft.
Kaum ist eine Krise aus den Schlagzeilen verschwunden, beginnt die nächste. Pandemie, Energiekrise, Inflation, Ukraine, Naher Osten, Taiwan, Aufrüstung, Cyberangriffe, Handelskonflikte, Klimawandel, Migration, Rentenprobleme und Fachkräftemangel folgen nicht mehr nacheinander, sondern überlagern sich.
Es wäre töricht zu behaupten, diese Probleme seien erfunden. Viele davon sind real und ernst.
Aber auch reale Gefahren besitzen eine psychologische Wirkung.
Wer permanent darauf vorbereitet wird, dass hinter der nächsten Kurve bereits die nächste Katastrophe wartet, entwickelt ein anderes Verhältnis zur Zukunft. Menschen werden vorsichtiger, manche misstrauischer und andere schlicht müde. Einige ziehen sich ins Private zurück, andere radikalisieren sich, und wieder andere erreichen irgendwann einen Zustand, in dem sie gar nichts mehr hören möchten.
So entsteht das merkwürdige Paradox einer Gesellschaft, die vermutlich besser informiert ist als jede Generation vor ihr und sich dennoch zunehmend orientierungslos fühlt.
Es mangelt nicht an Informationen.
Es mangelt an Zuversicht.
Und das ist politisch nicht unbedeutend. Denn je größer die Unsicherheit eines Menschen wird, desto attraktiver erscheint ihm Sicherheit – selbst dann, wenn sie mit einem Verlust an Freiheit erkauft wird.
Genau deshalb müsste eine liberale Demokratie besonders vorsichtig mit permanenten Ausnahmezuständen umgehen.
Die stille Revolution
Während wir noch über die politischen Krisen der Gegenwart streiten, hat bereits eine technologische Revolution begonnen, deren gesellschaftliche Dimension vermutlich weit größer sein wird als vieles, was heute unsere Schlagzeilen bestimmt.
Künstliche Intelligenz ist faszinierend, und wer ihre Möglichkeiten einmal ernsthaft genutzt hat, wird kaum bestreiten können, dass darin ungeheure Chancen liegen. Medizin, Forschung, Bildung, Verwaltung und Wirtschaft können von ihr profitieren. Wissen wird verfügbar, Fähigkeiten werden demokratisiert, und Tätigkeiten, für die früher große Organisationen benötigt wurden, können plötzlich von einzelnen Menschen ausgeführt werden.
Doch dieselbe Technologie zerstört gleichzeitig eine Vorstellung, mit der mehrere Generationen erzogen wurden: Wer sich gut bildet, ist vor Automatisierung weitgehend geschützt.
Maschinen sollten ursprünglich die körperliche Routinearbeit übernehmen. Der gebildete Mensch würde profitieren.
Heute automatisieren Maschinen Sprache, Recherche, Analyse, Programmierung, Übersetzung, Design, Buchhaltung und Teile juristischer, journalistischer und administrativer Arbeit. Die neue industrielle Revolution findet nicht nur in der Werkhalle statt.
Sie sitzt am Schreibtisch.
Daraus folgt keineswegs zwangsläufig Massenarbeitslosigkeit. Technologische Revolutionen haben historisch immer auch neue Berufe hervorgebracht. Trotzdem entsteht eine neue psychologische Unsicherheit: Wenn ein junger Mensch heute eine Ausbildung beginnt, kann ihm niemand mit Sicherheit sagen, welchen wirtschaftlichen Wert genau diese Fähigkeiten fünfzehn Jahre später noch besitzen werden.
Was soll ich also meinen Kindern raten?
Lerne fleißig?
Selbstverständlich.
Denke selbständig?
Unbedingt.
Aber vielleicht wird die wichtigste Fähigkeit ihrer Generation nicht mehr darin bestehen, möglichst viel Wissen zu besitzen.
Vielleicht besteht sie darin, sich selbst nicht zu verlieren, während sich die Welt permanent verändert.
Und damit sind wir wieder bei Hüthers Vertrauen.
Fortschritt und Kontrolle
Künstliche Intelligenz besitzt darüber hinaus eine zweite Seite, die wesentlich weniger mit Arbeitsplätzen zu tun hat.
Sie kann nicht nur Menschen unterstützen, sondern Menschen analysieren.
Wir produzieren längst enorme Mengen an Daten darüber, was wir kaufen, lesen, suchen, wohin wir reisen, mit wem wir kommunizieren und wofür wir uns interessieren. Diese Informationen ermöglichen beeindruckende Dienstleistungen. Gleichzeitig erzeugen sie Wissen über den Einzelnen.
Und Wissen schafft Macht.
Deshalb ist die relevante Frage nicht, ob Technologie grundsätzlich gut oder schlecht ist. Eine solche Diskussion wäre infantil.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Wer verfügt über dieses Wissen, wer darf es zusammenführen und wer kontrolliert diejenigen, die damit arbeiten?
Eine freiheitliche Gesellschaft darf ihre Ordnung niemals allein auf der Hoffnung errichten, dass Menschen mit großen technischen Möglichkeiten auch dauerhaft gute Absichten haben werden. Das Grundprinzip eines Rechtsstaates lautet schließlich gerade nicht, dass Macht vertrauenswürdig sei.
Es lautet, dass Macht kontrolliert werden muss.
Transformation – aber durch wen?
In den vergangenen Jahrzehnten sind Begriffe in unsere politische Sprache eingezogen, die fast alle etwas Ähnliches signalisieren: Transformation, Nachhaltigkeit, Resilienz, Governance, Stakeholder, Agenda 2030 oder schließlich der von Klaus Schwab und dem World Economic Forum selbst verwendete Begriff des „Great Reset“.
Diese Konzepte sind nicht identisch. Sie stammen aus unterschiedlichen Institutionen und besitzen unterschiedliche Zielsetzungen. Daraus automatisch einen einzigen zentral gesteuerten Plan abzuleiten, wäre ebenso wenig überzeugend wie die umgekehrte Behauptung, all diese Transformationsvorstellungen hätten keinerlei politische Bedeutung.
Die eigentlich spannende Frage liegt woanders.
Wer legitimiert Transformation?
Der Club of Rome beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Ressourcen, globalen Grenzen und Governance. Internationale Organisationen formulieren langfristige Zielsysteme. Regierungen entwickeln Transformationsprogramme. Unternehmen gestalten Technologien, die unser Leben innerhalb weniger Jahre fundamental verändern können.
Man kann viele dieser Ziele für sinnvoll halten.
Aber zwischen einer Vision für eine bessere Zukunft und paternalistischer Politik liegt eine entscheidende Grenze:
Hat derjenige, dessen Leben verändert werden soll, tatsächlich mitentschieden?
Der Bürger soll heute nachhaltiger leben, anders konsumieren, anders heizen, anders fahren, flexibler arbeiten, digitaler werden, beruflich mobil bleiben und sich fortlaufend an gesellschaftliche Veränderungen anpassen.
Vielleicht ist vieles davon vernünftig.
Aber selbst eine vernünftige Entscheidung bleibt in einer Demokratie legitimationsbedürftig.
Deutschland und die merkwürdige Erschöpfung eines Erfolgsmodells
Deutschland ist hierfür ein besonders interessanter Beobachtungsraum.
Wer nach vielen Jahren im Ausland zurückkehrt, sieht manches vielleicht deutlicher, gerade weil der schleichende Übergang nicht selbst erlebt wurde.
Deutschland besitzt nach wie vor enorme Substanz: Unternehmen, Ingenieurskunst, Universitäten, Forschung, Handwerk, Kapital und eine kulturelle und intellektuelle Tradition, die international weit über die Größe des Landes hinausgewirkt hat.
Gleichzeitig empfinde ich einen auffälligen Gegensatz zwischen dieser objektiven Stärke und einer subjektiven Erschöpfung.
Verfahren werden komplizierter, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten verteilen sich über immer mehr Ebenen, und aus dem verständlichen Wunsch, Risiken zu verhindern, entstehen Vorschriften, die wiederum neue Verwaltungsverfahren benötigen.
So entsteht irgendwann ein Staat, der immer mehr Probleme lösen möchte und zugleich bei immer mehr Bürgern das Gefühl erzeugt, selbst zum Verwaltungsgegenstand geworden zu sein.
Auch Migration gehört in diesen Zusammenhang, gerade weil darüber kaum noch leidenschaftslos gesprochen werden kann. Große und dauerhafte Zuwanderung verändert zwangsläufig die soziale und kulturelle Struktur eines Landes. Das ist zunächst weder moralische Zustimmung noch Ablehnung, sondern eine demografische Tatsache.
Man kann diese Veränderung begrüßen, man kann sie begrenzen wollen und man kann unterschiedliche Vorstellungen davon haben, welche Zuwanderung ein Land benötigt.
Aber eine Demokratie muss ihren Bürgern erlauben, über Geschwindigkeit, Umfang und Voraussetzungen einer solchen Veränderung tatsächlich zu entscheiden.
Dasselbe gilt für Energiepolitik, außergewöhnliche Verschuldung, Kompetenzen internationaler Institutionen oder Entscheidungen über Krieg und Frieden.
Wenn politische Entscheidungen eine Generation oder länger wirken, ist die Frage berechtigt, warum der Souverän so selten unmittelbar über sie entscheidet.
Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Bei jeder Bundestagswahl diskutieren wir wochenlang darüber, wer regieren soll.
Vielleicht ist das längst nicht mehr die interessanteste Frage.
Vielleicht müsste sie lauten:
Warum soll überhaupt so viel regiert werden?
Wir leben in hochgebildeten Gesellschaften. Bürger führen Unternehmen, operieren Menschen, bauen Maschinen, unterrichten Kinder und treffen täglich Entscheidungen mit erheblichen wirtschaftlichen und persönlichen Konsequenzen.
Trotzdem behandeln wir sie politisch nach einem merkwürdigen Prinzip: Alle paar Jahre dürfen sie bestimmen, wer anschließend weitgehend für sie entscheidet.
Warum?
Die technischen Möglichkeiten zur Beteiligung sind heute unvergleichlich größer als in jener Zeit, in der unsere repräsentativen Demokratien entstanden sind. Wir übertragen Vermögen digital, kommunizieren in Echtzeit über Kontinente und identifizieren uns elektronisch gegenüber Banken und Behörden.
Nur bei der politischen Entscheidung lautet die Antwort weiterhin erstaunlich häufig: Das sei zu kompliziert für den Bürger.
Vielleicht sollte uns genau dieser Satz misstrauisch machen.
Die Schweiz als Provokation
Die Schweiz ist selbstverständlich kein demokratisches Paradies. Auch dort gibt es Parteien, Interessenverbände, Lobbyismus und politische Fehlentscheidungen.
Aber das schweizerische System enthält eine bemerkenswerte Grundannahme:
Der Bürger ist grundsätzlich entscheidungsfähig.
Volksinitiativen und Referenden sorgen dafür, dass der politische Souverän nicht vollständig zwischen zwei Wahlterminen verschwindet. Föderalismus verhindert zumindest teilweise, dass jede Frage an eine zentrale Regierung delegiert wird, und die kollegiale Struktur der Exekutive reduziert die Fixierung auf einzelne politische Führungsfiguren.
Vielleicht sollten wir dieses System nicht kopieren.
Vielleicht sollten wir es weiterdenken.
Warum sollte bei fundamentalen gesellschaftlichen Richtungsentscheidungen nicht viel häufiger unmittelbar abgestimmt werden? Warum nicht bei außergewöhnlicher Staatsverschuldung, weitreichenden Kompetenzübertragungen, grundlegenden migrationspolitischen Entscheidungen oder besonders tiefen Eingriffen in Freiheit und Eigentum?
Selbstverständlich braucht auch direkte Demokratie Grenzen. Grundrechte dürfen nicht von wechselnden Mehrheiten abhängig sein, Minderheiten benötigen Schutz, Gerichte müssen unabhängig bleiben und politische Information muss transparent sein.
Aber all das sind Bedingungen für gute Demokratie.
Es sind keine Argumente dagegen.
Regierung als Verwaltung auf Zeit
Vielleicht müssten wir deshalb nicht Regierung abschaffen, sondern sie entzaubern.
Eine Regierung ist kein Vormund ihrer Bevölkerung. Eine Exekutive könnte sehr viel stärker wieder Verwaltung auf Zeit sein: organisieren, koordinieren, Recht vollziehen, Infrastruktur sichern und das Gemeinwesen nach außen vertreten.
Die grundlegenden Richtungsentscheidungen hingegen gehören dem Souverän.
Und eine politische Ordnung sollte niemals darauf angewiesen sein, dass die Menschen, die Macht besitzen, außergewöhnlich anständig, klug oder selbstlos sind.
Menschen sind Menschen. Sie sind ehrgeizig, eitel, manchmal bequem, manchmal brillant und manchmal völlig ungeeignet.
Die Qualität eines politischen Systems zeigt sich deshalb nicht daran, ob es gelegentlich großartige Politiker hervorbringt.
Sie zeigt sich daran, wie viel Schaden schlechte Politiker anrichten können.
Vielleicht lautet die demokratische Zukunftsfrage deshalb gar nicht: Wie finden wir bessere Regierungen?
Sondern:
Wie verteilen wir Macht so intelligent, dass wir weniger von Regierungen abhängig werden?
Mehr echte Demokratie wagen
Willy Brandt formulierte 1969 einen Satz, den Deutschland seitdem unzählige Male zitiert hat:
„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“
Und er verband ihn mit einer Vorstellung, die heute vielleicht noch wichtiger ist: einer Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und zugleich mehr Mitverantwortung verlangt.
Mehr Freiheit und mehr Verantwortung gehören zusammen.
Aber Verantwortung ohne Entscheidungsmacht ist keine Verantwortung. Sie ist Gehorsam.
Wenn Bürger die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Folgen politischer Entscheidungen tragen sollen, müssen sie auch stärker darüber entscheiden dürfen.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht mehr Regierung.
Vielleicht brauchen wir mehr echte Demokratie.
Keine Revolution und keine romantische Vorstellung davon, dass Millionen Menschen bei jeder Detailfrage abstimmen müssten. Sondern eine Demokratie, die Macht konsequenter verteilt, Subsidiarität ernst nimmt und bei grundlegenden Richtungsentscheidungen den Bürger nicht nur konsultiert, sondern entscheiden lässt.
Damit komme ich zu meinen Kindern zurück.
Ich weiß nicht, wie ihre Welt in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen wird. Niemand weiß das. Vielleicht werden sie Möglichkeiten besitzen, von denen meine Generation nicht einmal träumen konnte. Vielleicht werden Technologien Krankheiten besiegen, Arbeit erleichtern und Grenzen überwinden, die uns heute selbstverständlich erscheinen.
Ich wünsche ihnen diese Zukunft.
Aber ich wünsche ihnen noch etwas anderes.
Ich möchte, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der sie nicht das Gefühl haben, bloße Objekte permanenter Transformation zu sein. Ich möchte, dass sie lernen, dass Freiheit Verantwortung bedeutet, dass Widerspruch erlaubt ist und dass Demokratie nicht darin besteht, alle paar Jahre eine Stimme abzugeben und anschließend den Mund zu halten.
Vor allem aber wünsche ich ihnen Vertrauen.
Vertrauen in sich selbst.
Vertrauen darin, dass ihre Anstrengung etwas bewirken kann.
Vertrauen darauf, dass sie ihre Zukunft mitgestalten dürfen.
Gerald Hüther schreibt: Kinder brauchen Vertrauen.
Vielleicht sollten wir endlich verstehen, dass Demokratien dasselbe brauchen.
Nicht blindes Vertrauen in Regierungen, Institutionen oder Experten.
Sondern das Vertrauen einer Gesellschaft in ihre eigenen Bürger.
Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen, diesen Gedanken zu vollenden:
Wir brauchen mehr echte Demokratie.
Denn der mündige Bürger ist keine Gefahr für einen demokratischen Staat.
Er ist der Grund, weshalb dieser Staat überhaupt existiert.
Und vielleicht ist das am Ende die wichtigste Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen können:
eine Welt, in der sie nicht nur leben dürfen, sondern mitentscheiden, wie sie leben wollen.








