Früher brachten wir Betten zum Einsturz. Heute haben sie keine Zeit für Sex.

Posted on April 22nd, 2015

Über zwei Alfa Romeo, die sexuelle Revolution und einen Freund, dessen Identität ich aus Gründen der Diskretion nicht preisgeben möchte.

Ich habe da einen Freund

Ich habe da einen Freund.

Einen bemerkenswerten Menschen, dessen Jugend sich durch eine ungewöhnliche Kombination aus italienischer Automobilbaukunst, weiblicher Anziehungskraft und gelegentlich bedenklicher Möbelstatik auszeichnete.

Seinen Namen werde ich selbstverständlich nicht nennen. Diskretion gehört schließlich zu den Tugenden eines Gentlemans, selbst wenn sie mitunter erst einige Jahrzehnte nach den betreffenden Ereignissen einsetzt.

Nur so viel: Ich kenne diesen Mann außerordentlich gut. Vielleicht sogar besser, als ihm lieb sein dürfte.

Dieser Freund verbrachte seine Jugend in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren. Damals kam man noch ohne Smartphone aus, lernte Menschen ohne Dating-App kennen und überstand romantische Enttäuschungen meistens ohne psychologische Begleitung.

Die sexuelle Revolution hatte längst Fahrt aufgenommen. Während seine Eltern vermutlich hofften, aus ihm werde eines Tages ein vernünftiger Mensch, hatte sein hormoneller Haushalt offenbar beschlossen, die Geschäftsführung zu übernehmen und sämtliche anderen Abteilungen seines Gehirns vorübergehend in den unbezahlten Urlaub zu schicken.

Das war organisatorisch nicht immer einfach, aber im Großen und Ganzen eine außerordentlich vergnügliche Veranstaltung. Sein besonderes Interesse galt dem weiblichen Geschlecht. Ich erwähne das ausdrücklich, weil sich daraus einige der folgenden Ereignisse erklären lassen. Nicht entschuldigen. Erklären.

Ein Vierundzwanzigjähriger ohne Zeit für Frauen

Auf diese Erinnerungen kam ich, als mir kürzlich ein Bekannter von seinem vierundzwanzigjährigen Sohn berichtete. Er hatte ihn gefragt, ob er inzwischen eine Freundin habe.

„Nein, Papa, dafür habe ich momentan keine Zeit.“

Keine Zeit? Mit vierundzwanzig?

Ich musste unwillkürlich an meinen besagten Freund denken. Der hätte in diesem Alter vermutlich eher auf eine warme Mahlzeit, einen Zahnarzttermin oder notfalls die eigene Geburtstagsfeier verzichtet als auf eine vielversprechende Verabredung.

Was beschäftigt einen vierundzwanzigjährigen Mann heute so intensiv, dass für eine Frau keine Zeit mehr bleibt? Verhandelt er mit dem Internationalen Währungsfonds über die Neuordnung der Weltwirtschaft? Arbeitet er an der endgültigen Lösung sämtlicher Klimaprobleme? Oder optimiert er seine Work-Life-Balance in einer Excel-Tabelle, deren Ergebnis ihm anschließend bestätigt, dass für das eigentliche Leben leider kein Zeitfenster mehr vorgesehen ist?

Mein Freund hätte die Frage vermutlich gar nicht verstanden. Für ihn war die Begegnung mit einer interessanten Frau kein Störfaktor im Tagesablauf. Sie war der Tagesablauf.

Nun sollte man aus solchen Erinnerungen keine allgemeingültige Lebensphilosophie ableiten. Aber vielleicht lohnt sich ein Blick auf die Prioritäten einer Generation, die ohne digitale Hilfsmittel erstaunlich erfolgreich darin war, einander tatsächlich zu begegnen.

Der erste Alfa Romeo

Mein Freund besaß damals einen Alfa Romeo Spider. Schwarz. Bordeauxrote Lederausstattung. Italienische Eleganz. Eine Linienführung, die bereits im Stand mehr versprach, als manche Menschen in einem ganzen Leben einzulösen vermögen.

Auf dem Beifahrersitz lagen häufig seine Golfschläger und eine Flasche Champagner. Nicht, dass er dem Golfsport mit außergewöhnlicher Leidenschaft nachgegangen wäre. Die Schläger erfüllten wohl eher eine repräsentative Funktion, bis sich herausstellte, dass der Beifahrersitz für eine reizende Begleitung erheblich sinnvoller genutzt werden konnte.

In diesem Fall wanderten die sportlichen Utensilien kurzerhand in den Kofferraum, während der Champagner seiner eigentlichen Bestimmung entgegengeführt wurde. Man muss schließlich Prioritäten setzen.

Hannover bot in jenen Jahren ein gesellschaftliches Umfeld, das mein Freund mit bemerkenswerter Gründlichkeit erkundete. La Fontaine, Casablanca, Alt Hanovera und insbesondere das legendäre Casa gehörten zu seinen bevorzugten Wirkungsstätten.

Dort wurde getanzt, gelacht, getrunken, diskutiert und geflirtet. Bekanntschaften entstanden, Herzen wurden gelegentlich erobert und vermutlich ebenso häufig wieder gebrochen.

Das Casa besaß einen unverwechselbaren Charakter. Sein Eigentümer, Bodo Linnemann, gehörte zu jenen Menschen, die einer Stadt mehr Persönlichkeit verleihen können als ganze Stadtmarketingabteilungen mit ihren wohlformulierten Leitbildern. Ein Original, wie man es heute nur noch selten findet.

Mein Freund schätzte ihn außerordentlich. Und soweit ich das beurteilen kann, hat Bodo von seiner bemerkenswerten Coolness bis heute nichts eingebüßt.

Auch einige Bereiche des Hauses, die dem gewöhnlichen Besucher eher aus praktischen Gründen bekannt waren, erfreuten sich gelegentlich der Aufmerksamkeit meines Freundes. Insbesondere das Untergeschoss.

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Nicht jeder Gang in Richtung der sanitären Einrichtungen war ausschließlich hygienischen Notwendigkeiten geschuldet.

Woher ich das so genau weiß? Nun, man hört im Laufe eines langen Lebens einiges. Und manches bleibt erstaunlich gut in Erinnerung.

Wollen wir noch die Sonne putzen gehen?

Eine seiner bevorzugten Einladungen war von geradezu poetischer Schlichtheit:

„Wollen wir heute Nacht noch die Sonne putzen gehen? Ich habe ein Cabrio. Soll ich’s dir mal zeigen?“

Das klingt heute möglicherweise etwas eigenwillig. Damals hingegen verfügte diese Frage offenbar über ein gewisses Erfolgspotenzial. Sie war hinreichend absurd, um neugierig zu machen, hinreichend charmant, um nicht aufdringlich zu wirken, und enthielt mit dem Hinweis auf das Cabriolet ein durchaus überprüfbares Sachargument.

Ob die Sonne anschließend tatsächlich sauberer war, lässt sich wissenschaftlich nicht mehr mit letzter Sicherheit feststellen. Aber die Nächte waren lang, die Gespräche mitunter überraschend tiefgründig, und gelegentlich saßen zwei Menschen am frühen Morgen irgendwo am Wasser und sahen zu, wie sich der Himmel langsam verfärbte.

Ein schwarzer Alfa Romeo, rotes Leder, eine Flasche Champagner, eine bezaubernde Begleitung und das Gefühl, dass die ganze Welt noch vor einem lag. Was hätte man sich mehr wünschen sollen?

Vielleicht ein etwas stabileres Bett. Doch dazu später.

Über die Vorzüge erfahrener Lehrmeisterinnen

Eine weitere Besonderheit meines Freundes war seine ausgesprochene Sympathie für Frauen, die bereits über etwas mehr Lebenserfahrung verfügten als er selbst.

Dahinter verbarg sich keine ausgefeilte Philosophie, sondern eine vergleichsweise einfache Erkenntnis: Wer etwas lernen möchte, sollte sich möglichst an Menschen halten, die wissen, wovon sie sprechen.

Seine ersten Lehrmeisterinnen in den feineren Disziplinen zwischenmenschlicher Beziehungen waren deshalb gelegentlich einige Jahre älter als er. Das Curriculum war anspruchsvoll, der Unterricht ausgesprochen praxisorientiert, und die Abschlussprüfungen fanden glücklicherweise ohne schriftliche Dokumentation statt.

Mein Freund behauptet noch heute, dabei mehr über menschliche Beziehungen gelernt zu haben als später in manchem Managementseminar. Ich halte das keineswegs für ausgeschlossen.

Er lernte zuzuhören, Zwischentöne wahrzunehmen, Menschen zum Lachen zu bringen und zu begreifen, dass Charme nicht darin besteht, möglichst viel über sich selbst zu erzählen, sondern darin, einem anderen Menschen das Gefühl zu vermitteln, wirklich interessant zu sein.

Eine bemerkenswerte Erkenntnis. Gerade in einer Zeit, in der sich Menschen auf digitalen Plattformen häufig mit einer Begeisterung selbst präsentieren, die allenfalls noch von ihrer mangelnden Neugier auf das Gegenüber übertroffen wird.

Kaltakquise, meine Damen und Herren!

Mit zunehmender gesellschaftlicher Aktivität entwickelte mein Freund allerdings ein gewisses organisatorisches Problem. Sein Terminkalender war erfreulich gut gefüllt. Gelegentlich sogar etwas überbucht.

Man könnte behaupten, er habe bereits eine bemerkenswert effiziente Form des Customer-Relationship-Managements betrieben, lange bevor irgendein Unternehmensberater auf die Idee kam, diese zutiefst menschliche Tätigkeit mit drei Buchstaben abzukürzen und anschließend für beträchtliche Honorare zu vermarkten.

Wenn sich dennoch einmal eine unerwartete Lücke ergab, wurde eben akquiriert. Kaltakquise, meine Damen und Herren!

Man ging aus, lernte Menschen kennen und ließ sich überraschen, was der Abend mit sich brachte. Später besuchte mein Freund Managementseminare, in denen man versuchte, ihm genau jene Fähigkeiten unter Begriffen wie Networking, Relationship Building und Emotional Intelligence erneut beizubringen.

Für eine nicht unerhebliche Teilnahmegebühr, versteht sich. Rückblickend wäre es vermutlich wirtschaftlicher gewesen, den Alfa Romeo vor dem Seminarhotel zu parken und eine praktische Vorführung anzubieten. Allerdings hätte dies möglicherweise die Personalabteilung irritiert.

Der zweite Alfa Romeo – und ein konstruktives Versagen

Nun besaß mein Freund gewissermaßen zwei Alfa Romeo. Der erste stand vor der Haustür. Der zweite befand sich in seinem Schlafzimmer.

Dort stand nämlich ein schwarzes, hochglänzend lackiertes Futonbett, dessen Erscheinungsbild ihn durchaus an die elegante Frontpartie seines geliebten Spiders erinnerte.

Ein ästhetisch äußerst reizvolles Möbelstück. Sein Konstrukteur hatte sich bei der Entwicklung offenbar mehr Gedanken über die äußere Erscheinung als über die physikalischen Gesetze gemacht.

Mein Freund erkannte darin eine hervorragende Gelegenheit, sein ohnehin erfolgreiches Einladungskonzept um eine zweite Attraktion zu erweitern.

„Übrigens, ich habe oben noch einen zweiten Alfa Romeo. Möchtest du ihn dir einmal ansehen?“

Das war nicht einmal gelogen. Wenngleich ein gewisser Interpretationsspielraum hinsichtlich der automobilen Eigenschaften des zweiten Exemplars bestand.

Die Strategie funktionierte offenbar. Bis zu jenem denkwürdigen Abend, an dem sich das schwarze Futonbett entschloss, den Anforderungen eines besonders lebendigen Privatlebens nicht länger standzuhalten.

Es brach zusammen.

Nicht die Stimmung. Nicht die Begeisterung. Und glücklicherweise auch nicht die junge Dame. Nur das Bett.

Offenbar war das italienisch inspirierte Design der deutschen Statik ein wenig vorausgeeilt.

Mein Freund erzählte mir diese Geschichte mit einer derartigen Detailgenauigkeit, dass ich bis heute beinahe das Geräusch des zusammenbrechenden Möbelstücks zu hören glaube. Eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir nicht verkneifen.

Allerdings illustriert diese Episode eine interessante Besonderheit jener Zeit: Wenn damals etwas zusammenbrach, handelte es sich gelegentlich um ein Möbelstück und nicht gleich um das gesamte emotionale Weltbild eines Menschen.

Man nahm das Missgeschick mit Humor. Und sofern niemand verletzt war, hatte man anschließend wenigstens eine ausgezeichnete Geschichte zu erzählen.

Von Hannover hinaus in die Welt

Irgendwann wurde meinem Freund Hannover, bei aller Zuneigung zu dieser Stadt und ihren reizvollen gesellschaftlichen Möglichkeiten, etwas zu überschaubar.

Nachdem er den heimischen Markt, um es mit einer gewissen kaufmännischen Selbstironie auszudrücken, einigermaßen gründlich sondiert hatte, verlagerte sich sein Wirkungskreis zunehmend über die deutschen Grenzen hinaus.

Aus dem hannoverschen Nachtleben wurde ein internationales Parkett. Aus vertrauten Begegnungsstätten wurden neue Städte, Länder und Kulturen. Sein Weg führte ihn später über viele Jahre nach Indien, Singapur, Hongkong und Oman.

Erstaunlicherweise sind das auch Länder, in denen ich selbst einen beträchtlichen Teil meines Lebens verbracht habe. Die Welt ist eben klein. Und manche Zufälle sind bemerkenswert.

Was mein Freund dort lernte, war allerdings weit mehr als die Fortsetzung jugendlicher Abenteuer unter anderen klimatischen Bedingungen. Er entdeckte, dass Neugier, Lebensfreude und die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen, keineswegs deutsche Besonderheiten sind.

Andere Kulturen eröffneten neue Perspektiven, stellten vertraute Gewissheiten infrage und zeigten, dass das Leben unendlich vielfältiger ist, als es aus der Perspektive eines hannoverschen Nachtlokals zunächst erscheinen mag.

Auch beruflich erwies sich diese Haltung als außerordentlich nützlich. Wer Menschen führen, Organisationen entwickeln und in fremden Kulturen erfolgreich arbeiten möchte, sollte zunächst einmal Freude an Menschen haben.

Wer dagegen die Welt ausschließlich als Ansammlung von Problemen betrachtet, wird kaum jene Begeisterung auslösen können, die notwendig ist, um etwas zu bewegen.

Vielleicht beginnt Führung tatsächlich nicht mit einer Stellenbeschreibung, sondern mit der Fähigkeit, auf andere Menschen neugierig zu bleiben. Eine Erkenntnis, die mein Freund bemerkenswerterweise bereits lange vor seinem ersten Managementseminar gewonnen hatte.

Eine Generation, die plötzlich keine Zeit mehr hat

Doch zurück zu unserem vierundzwanzigjährigen jungen Mann. Keine Zeit für eine Freundin. Man muss sich diesen Satz noch einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die über nahezu unbegrenzte technische Möglichkeiten verfügt, Menschen kennenzulernen. Dating-Plattformen versprechen Auswahl, Algorithmen berechnen Übereinstimmungen, digitale Profile präsentieren vermeintliche Persönlichkeiten, und ein einziger Fingerwisch entscheidet über das potenzielle Schicksal einer Begegnung.

Noch nie war es technisch so einfach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Und dennoch scheint die tatsächliche Begegnung gelegentlich zur organisatorischen Herausforderung geworden zu sein.

Natürlich wäre es töricht, daraus zu schließen, dass eine ganze Generation ihre Lebensfreude verloren hätte. Jede Generation entwickelt ihre eigenen Vorstellungen von Nähe, Beziehungen und persönlicher Freiheit.

Und selbstverständlich muss niemand mit vierundzwanzig eine Freundin haben, nur weil mein Freund in diesem Alter offenbar andere Prioritäten setzte. Aber wenn die Begründung tatsächlich lautet, man habe keine Zeit, dann darf man doch fragen, was aus unseren Prioritäten geworden ist.

Untersuchungen zum Sexualverhalten junger Menschen deuten auf veränderte Erfahrungen und Zeitpunkte erster Beziehungen hin. Solche Befunde sind kein Beweis für einen allgemeinen Verlust an Lebensfreude. Spätere Erfahrungen können ebenso Ausdruck größerer Selbstbestimmung, veränderter Erwartungen oder bewusster Entscheidungen sein.

Dennoch bleibt das Phänomen bemerkenswert. Gerade in einer Gesellschaft, in der erotische Darstellungen nahezu unbegrenzt verfügbar sind, scheint die reale Begegnung nicht zwangsläufig an Bedeutung zu gewinnen.

Wir kommunizieren ununterbrochen und begegnen einander immer seltener wirklich. Wir vergleichen Profile, optimieren unsere Selbstdarstellung und definieren Erwartungen bis ins kleinste Detail.

Nur jener wunderbare Moment, in dem ein fremder Mensch plötzlich interessant wird und sämtliche zuvor gefassten Pläne durcheinanderbringt, lässt sich leider nicht programmieren.

Das wirkliche Leben ist eben kein Algorithmus. Und glücklicherweise auch keine Excel-Tabelle.

Wenn das Leben zur Verwaltungsaufgabe wird

Wir planen unsere Karriere, optimieren unsere Ernährung, dokumentieren unsere sportlichen Aktivitäten und messen mit beeindruckender Genauigkeit die Qualität unseres Schlafes.

Selbst unsere Freizeit wird zunehmend nach Effizienzgesichtspunkten organisiert, als handele es sich um eine betriebswirtschaftliche Veranstaltung, deren Erfolg am Ende des Quartals in einer PowerPoint-Präsentation nachzuweisen wäre.

Wir sprechen über Work-Life-Balance, als ließen sich Arbeit und Leben sauber voneinander trennen. Dabei ist die Arbeit selbstverständlich Teil des Lebens. Die eigentliche Frage lautet doch, ob wir vor lauter Organisation noch dazu kommen, es tatsächlich zu führen.

Mein Freund hätte darüber vermutlich herzlich gelacht. Nicht, weil er grundsätzlich etwas gegen Planung einzuwenden gehabt hätte. Seine gelegentlich überbuchten Abendtermine beweisen durchaus das Gegenteil.

Aber er hätte sich niemals vorstellen können, dass die Verwaltung des Lebens eines Tages wichtiger werden könnte als das Leben selbst.

Vielleicht war er gelegentlich unvernünftig. Vielleicht auch etwas übermütig. Und ganz gewiss war sein Lebenswandel nicht in jeder Hinsicht ein Vorbild für die nachfolgenden Generationen.

Aber er besaß eine Eigenschaft, die ich für außerordentlich wertvoll halte: Er war neugierig. Auf Menschen, auf Begegnungen, auf Erfahrungen und auf jene wunderbaren Möglichkeiten, die sich gerade dann eröffnen, wenn man nicht versucht, jeden Augenblick im Voraus zu kontrollieren.

Über die Kunst, mit einem Lächeln zurückzublicken

Wenn mein Freund heute von jenen Jahren erzählt, dann tut er das nicht mit dem Bedauern eines Mannes, der seine Jugend verloren hat. Sondern mit dem Vergnügen eines Menschen, der sie tatsächlich erlebt hat.

Er erinnert sich an die Abende im La Fontaine, im Casablanca und im Casa. An Bodo Linnemann und die eigentümliche Vertrautheit jener Orte. An Musik, Champagner, lange Gespräche und einen schwarzen Alfa Romeo mit bordeauxroten Ledersitzen.

An Frauen mit Charme, Humor, Persönlichkeit und gelegentlich einer bemerkenswerten pädagogischen Begabung. Und natürlich an ein schwarzes Futonbett, dessen Konstruktion den Belastungen eines enthusiastischen Privatlebens nicht ganz gewachsen war.

Er erzählt diese Geschichten nicht, um Eindruck zu machen. Dafür ist er inzwischen alt genug, um zu wissen, dass die interessantesten Menschen selten diejenigen sind, die am lautesten von ihren Erfolgen berichten.

Er erzählt sie, weil sie ihn daran erinnern, dass ein erfülltes Leben nicht allein darin besteht, vernünftig zu sein. Sondern darin, sich auf Menschen, Möglichkeiten und gelegentlich auch auf die eigene Unvernunft einzulassen.

Ich finde, darin liegt eine bemerkenswerte Lebensweisheit. Auch wenn ich meinem Freund gelegentlich empfehlen würde, bei der Schilderung bestimmter Einzelheiten etwas zurückhaltender zu sein.

Schließlich muss man nicht alles erzählen. Insbesondere nicht über das Untergeschoss des Casa.

Und was bleibt?

Wenn mir heute ein vierundzwanzigjähriger junger Mann erklärt, er habe keine Zeit für eine Freundin, möchte ich ihm am liebsten freundschaftlich auf die Schulter klopfen und sagen:

Mein Junge, deine Arbeit wird morgen auch noch da sein. Dein Smartphone ebenso. Und die nächste Benachrichtigung kommt mit geradezu erschütternder Zuverlässigkeit.

Aber die Nacht, die du heute nicht erlebst, kommt niemals zurück.

Irgendwann wirst auch du zurückblicken und dich fragen, woraus dein Leben eigentlich bestanden hat. Aus beantworteten E-Mails, optimierten Tagesabläufen und einer beneidenswerten Bildschirmzeitstatistik? Oder aus Begegnungen, die dein Herz schneller schlagen ließen und über die du fünfzig Jahre später noch mit einem verschmitzten Lächeln erzählen kannst?

Mein Freund kennt seine Antwort. Und ich glaube, ich kenne meine ebenfalls.

Übrigens hat er mir neulich wieder von seinem schwarzen Alfa Romeo erzählt. Von dem roten Leder, einer Flasche Champagner, einem sommerlichen Nachthimmel und einer reizenden jungen Frau auf dem Beifahrersitz.

Und von jener Frage, die damals offenbar mehr Erfolg hatte als sämtliche heutigen Dating-Algorithmen zusammen:

„Wollen wir noch die Sonne putzen gehen?“

Manchmal gelang das sogar erstaunlich gut. Und manchmal brach eben ein Bett zusammen.

Vielleicht war unsere Generation nicht in jeder Hinsicht vernünftiger. Vielleicht waren wir gelegentlich sogar erschreckend unvernünftig.

Aber wir hatten wenigstens noch Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Und mal ganz unter uns:

Was nützt einem die ganze schöne Work-Life-Balance, wenn vor lauter Work für das Life keine Zeit mehr bleibt?

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Sollten Sie meinem Freund irgendwann begegnen, richten Sie ihm bitte schöne Grüße aus.

Sie werden ihn vermutlich erkennen. Er behauptet nämlich bis heute, er habe einmal zwei Alfa Romeo besessen.

Und ich fürchte, er würde die Geschichte mit dem Bett jederzeit wieder erzählen.